GCF 2019

Get Connected Festival #02: Wo Logistik digitales Leben trifft

Machine Learning, Kubernetes, Blockchain & Co.: Was bedeuten neue digitale Technologien für Logistik und Außenwirtschaft? Und wie verändern sie die Arbeitswelten? Fast 500 Teilnehmer fanden bei der zweiten Auflage des Get Connected Festivals von AEB überraschende und teilweise unbequeme Antworten.

Stuttgart, Headquarter von AEB. Unendliche Weiten. Sternzeit 20. Februar 2019, 17.45 Uhr. Der Kaiserslauterner Hochschulprofessor und Star-Trek-Experte Prof. Dr. Hubert Zitt stellt auf dem Get Connected Festival #02 Technologien aus dem Raumschiff Enterprise vor – und was aus ihnen in der realen Welt geworden ist. Das Faxgerät: Erstmals 1964 in der Science-Fiction-Serie gezeigt, 1971 auf dem Planeten Erde eingeführt und inzwischen im Elektroschrott gelandet. Captain Kirks Universal Übersetzer: 2017 von Waverly Labs in irdische Sphären geholt. Ein Androide in einer Führungsposition? Angesichts explodierender Rechnerleistungen noch in diesem Jahrhundert möglich. Beamen? Erst ab 16. April 2151.

Drei Szenen mischen sich

Nicht nur wegen der unterhaltsamen „Klingonen-Keynote“ von Zitt hatte das zum zweiten Mal von AEB veranstaltete Get Connected Festival einen leichten Startrek-Anstrich: Es war auch ein „Treffen der Generationen“. Vertreter der Startup- und Technologie-Szene trafen auf Profis aus Logistik und Außenwirtschaft. „Das Festival war aus unserer Sicht ein großer Erfolg. Ich fand es beeindruckend, wie die Teilnehmer in lockerer Atmosphäre kommuniziert und die Möglichkeit zum Networking angenommen haben“, sagte Steffen Frey, Mitglied der Geschäftsleitung von AEB. Frey freute sich auch, mit welcher Intensität die mehr als 450 Teilnehmer das fachliche Angebot der 20 Meisterklassen annahmen. „Praktisch jeder Teilnehmer hat die Möglichkeit genutzt, zweimal zwei Stunden intensiv in Fachthemen aus Außenwirtschaft Logistik und digitalem Leben einzusteigen.“

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Get Connected Festival 2019: Vom Anschauen zum Anwenden

Dabei zeigte sich: Das Get Connected Festival 2019 hat, verglichen mit seiner ersten Auflage, einen Schritt nach vorn gemacht. Im Vorjahr bestaunten und testeten Praktiker aus Logistik und Außenwirtschaft noch Methoden und Technologien aus der Startup- und Digitalszene. In diesem Jahr gab es in einigen Meisterklassen schon einen lebhaften Austausch auf Expertenebene über konkrete Anwendungsmöglichkeiten und Use Cases.

Neue Technologien an alten Problemfällen testen

Es muss dabei nicht immer gleich die Erfindung des Warp-Antriebs sein. Häufig sind auch kleine, harte Nüsse in überschaubaren Anwendungsfeldern ein perfekter Praxistest für eine Technologie. Zum Beispiel beim Machine Learning. Wie wäre es, wenn eine Verpackungsanlage sich merken kann, das Transportlabel für Sendungen bestimmter Transportdienstleister immer auf die gleiche Stelle des Pakets zu kleben? Oder wenn ein Zeitfenstermanagement-System die Erfahrungen aus Engpasssituationen nutzt, um die Kapazitäten an der Rampe flexibler zu steuern und besser auszulasten? So lauteten Fragen in der Meisterklasse Machine Learning, die gemeinsam von Dr. Wieland Brendel, Lead Scientist bei Layer7 AI,  und Daniel Schüler (AEB) geleitet wurde.

Orientierung im Technologie-Dschungel
Orientierung im Technologie-Dschungel
Meisterklasse Welcome to the digital jungle

Orientierung im Technologie-Dschungel

Einen Überblick über die derzeit „heißesten Technologien“ in der Logistik gab die Session „Welcome to the digital jungle“. Anhand zahlreicher Anwendungen diskutierten die Teilnehmer die Praxistauglichkeit von Automation, Künstlicher Intelligenz (KI/AI), Blockchain & Co. Zum Thema Künstliche Intelligenz stellte Ronja Stoffregen von Acitoflux, die die Meisterklasse gemeinsam mit ihren Kollegen Mika Mänz und Lennart Säger leitete, die Risikomanagement-Lösung Resilience360 vor. Das Tool des Logistikdienstleisters DHL nutzt KI, um mögliche zukünftige Risiken und Störungen vorauszusagen. Dazu kombiniert es über Jahre hinweg systematisch gesammelte Lieferkettendaten, Informationen aus Risikodatenbanken sowie Informationen über die Supply Chain von Kunden. Allerdings sind auch bei dem Thema Artifical Intelligence noch viele Fragen offen. „Die Problematik an AI ist, dass die Ergebnisse oftmals nicht replizierbar sind“, sagt Mika Mänz. In vielen Fällen erhalte man bei gleichem Input unterschiedliche Resultate.

Use Cases für die Blockchain gesucht

Kontroverse Sichtweisen gab es auf das Thema Blockchain. Zwar gebe es schon viele Praxisbeispiele, in denen die Technologie zum Einsatz kommt. Allerdings ließe sich in den meisten Fällen die jeweiligen Anforderungen auch mit anderen bewährten Technologien lösen. Eine Blockchain sei meistens nicht notwendig, so der Tenor. Zwingende Use Cases fehlen hier noch. Dementsprechend kritisch bewerteten die Teilnehmer auch die Bedeutung dieser Technologie in der Zukunft. Während etwa Automation, AI, Robotik und Internet of Things insgesamt sehr positiv beurteilt wurden, gab es bei Blockchain ein durchaus differenzierteres und verhalteneres Bild.

Schon heute vermeidbar: Der illegale Warenkorb

Oftmals müssen neue Technologien, Prozesse und Kanäle in bestehende Strukturen eingebunden werden. Zum Beispiel beim E-Commerce wie Björn Kech vom Maschinenbau-Technologieunternehmen Trumpf AG und Dr. Ulrike Jasper (AEB) in der Meisterklasse „Der illegale Warenkorb“ aufzeigten. Seit nicht nur Bücher und Kleidung, sondern auch komplexe Ersatzteile und Komponenten über das Internet gehandelt werden, wird die Frage immer drängender, wie die Anforderungen der Exportkontrolle in den Prozess eingebunden werden. „Die Käufer sind es gewohnt, bereits wenige Sekunden nach dem Klick auf den Bestellbutton eine Auftragsbestätigung zu bekommen“, sagt Kech. „Das lässt wenig Zeit, um die erforderlichen Prüfungen durchzuführen.“

„Es ist kein Problem, ein Sanktionslisten-Screening in einen Webshop zu integrieren“, sagt AEB-Produktexpertin Nicole Mantei. Komplexer wird es, wenn darüber hinaus Dual-Use-Güter über den Webshop verkauft werden sollen bzw. Endverwendungen und Embargos geprüft werden müssen. Dann hilft eine Kombination aus Prozessdesign, IT-Integration und rechtlicher Gestaltung – etwa indem der Abschluss des Kaufvertrages verzögert wird und nicht beim Klicken des Bestellbuttons, sondern später zustande kommt. Mit diesem Dreiklang an Maßnahmen können Unternehmen auf der sicheren Seite bleiben – so das Fazit der Meisterklasse. 

Woran Digitalisierungsprojekte scheitern

Nicht alles, was unter dem Label der Digitalisierung begonnen wird, führt zum Erfolg. Im „Digital Jungle“ gaben die Teilnehmer ein Stimmungsbild zu den Herausforderungen ab. Während faule Kollegen nur eine sehr untergeordnete Rolle zu spielen scheinen, haderten die Teilnehmer vor allem mit regulatorischen Einschränkungen, mit der Komplexität bei der Implementierung sowie mit mangelnder Erfahrung. Aber auch hohe Kosten und die Verfügbarkeit bzw. Priorisierung von Ressourcen waren große Herausforderungen.

Digitalisierung braucht Controlling

Ist die Digitalisierung also ein betriebswirtschaftlicher Blindflug? Nicht mit der Bundesvereinigung Logistik: Sie arbeitete mit den Festival-Teilnehmern an einer Initiative zum Thema „Controlling von Logistik 4.0“.  Geplant ist eine Datenbank, in die sogenannte Strategy Maps eingepflegt sind. Das Tool soll Unternehmen bei verschiedenen Digitalisierungsthemen unterstützen. Beispielsweise bei der Optimierung der Distributionslogistik oder effizienteren und flexibleren Personaleinsatz. Ziel ist es, Nutzern ein Kennzahlensystem an die Hand zu geben, mit dem sie ihre eigenen Digitalisierungsprozesse messen können. Die finalen Ergebnisse der Arbeitsgruppe werden beim Deutschen Logistik-Kongress im Oktober präsentiert.

Ende der klassischen Arbeitswelten erreicht?
Ende der klassischen Arbeitswelten erreicht?
Meisterklasse "Let's New Work - an die Arbeit!"

Schneller, komplexer digitaler: Wann ist in klassischen Arbeitswelten das Ende der Fahnenstange erreicht?

Und wo bleibt der Mensch? „Immer höher, schneller, weiter, komplexer, globaler, digitaler. Das funktioniert in der heutigen Arbeitswelt nicht mehr“, sagte Marion King, Gründerin von Les Enfants Terribles, einer Plattform für Menschen, Unternehmen und Projekte, in der Meisterklasse „Let’s new work“. Doch wie können Unternehmen Arbeit anders gestalten, wie flexibler und innovativer werden? „Bei New Work geht es darum, Routinen zu durchbrechen und Impulse zu setzen, um mit guten Methoden Veränderung herbei zu führen“, fügt Martin Ciesielski von den Enfants Terribles hinzu. Das alles immer mit dem Ziel, eine zukunftsfähige Organisation zu erhalten.

In kleinen Gruppen ließen King und Ciesielski die Meisterklassen-Teilnehmer spielerisch ausprobieren und diskutieren, was passiert, wenn plötzlich etwas anders läuft. Wie geht man mit Fehlern um? Was ist überhaupt ein Fehler – und was heißt es für einen selbst, Fehler zu machen? Arbeit muss menschlicher, transparenter und kommunikativer werden, darin waren sich die Teilnehmer einig. Und genau das ist der Ansatz der „Enfants Terribles“, die sich selbst als Schule, Initiative und Community für neues und achtsameres Arbeiten bezeichnen. „Wir wollen alle ermutigen, sich zu engagieren, zu verändern und Verantwortung fürs eigene Handeln zu übernehmen“, sagt King.

Startrek-Professor Dr. Hubert Zitt
Startrek-Professor Dr. Hubert Zitt
Bildete den finalen Impuls des Festivals

Gute Technik auch vernünftig einsetzen

Daran knüpft auch Startrek-Professor Dr. Hubert Zitt an. „Es kommt nicht nur darauf an, gute Technik zu haben, sondern sie auch vernünftig zu nutzen“, sagte er in seiner Klingonen-Keynote. Zitt untermauerte das mit einer Szene aus Startrek, in der die Crew des Raumschiffs Enterprise nach Dienstschluss gesellig und ganz analog beim Cocktail zusammensaß. Dem stellte der Technologieexperte ein Bild von einer Afterworkparty von heute gegenüber, in deren Mittelpunkt nicht der Austausch mit den Kollegen stand, sondern das jeweilige eigene Smartphone. Merke: Digitales Leben ist nicht alles.

Eindrücke. Hautnah. Dabei.

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