Analyse

Brexit: Schöne Bescherung

Am 30. März 2019 ist Großbritannien voraussichtlich kein EU-Mitglied mehr. Viele Unternehmen bereiten ihre Supply Chains bereits darauf vor. Sieben Tipps, wie Sie das auch können.

Björn Helmke 01.12.2018

Zugegeben, die britische Automobilindustrie hat schon bessere Tage erlebt. Aber gestützt auf starke Marken wie Bentley, Mini, Land Rover, Jaguar, Rolls Royce und dem Investment mehrerer ausländischer Fahrzeughersteller, laufen jeden Tag auf der Insel 6.600 Fahrzeuge vom Band – davon werden 5.200 in alle Welt exportiert, ebenso wie 5.500 Motoren. 

Die britische Automobilindustrie ist dabei keineswegs autark. Allein 1.100 Lkw aus der EU liefern jeden Tag Fahrzeug- und Motorenteile nach Großbritannien. Umgekehrt produzieren viele Zulieferer der kontinentaleuropäischen Automobilindustrie in Großbritannien. 


Der mögliche Austritt Großbritanniens aus der EU rückt näher. Das AEB-Brexit-Toolkit liefert Infos, die Unternehmen in Sachen Außenwirtschaft und Zoll jetzt wissen müssen. Und Tipps, wie Sie mit AEB-Software die eigenen Prozesse fit machen.

Brexit verändert Supply Chains heute schon

Doch dieses Geschäft wird durch den bevorstehenden Brexit auf eine harte Probe gestellt. Und zwar jetzt schon. Nach der Analyse des Export-/Importseismographen Deutschland, der vom Institut für Angewandte Logistik (IAL) der Hochschule Würzburg-Schweinfurt und AEB gemeinsam herausgegeben wird, sank die Ausfuhr von Kfz-Teilen von Deutschland nach Großbritannien im 1. Halbjahr 2018 gemessen am Gewicht um 9,3 %. In umgekehrter Richtung waren es 6,8 %. 

Für Prof. Dr. Christian Kille vom IAL drängt sich ein Verdacht auf. „Die Automobilhersteller haben damit begonnen sich auf den Brexit vorzubereiten, indem sie den Anteil von Zulieferteilen drosseln, der über die künftige EU-Außengrenze fließt. Die internationale Arbeitsteilung leidet bereits“, sagt Kille. Ähnliches passiert in anderen Branchen auch: Bei den chemischen Grundstoffen sanken die deutschen Einfuhren nach Großbritannien um 21 %, in umgekehrter Richtung waren es 5,5 %. Ähnlich ist die Relation bei Stahl: 20,5 % Minus bei den deutschen Stahlexporten und minus 5,7 % in umgekehrter Richtung.

Unternehmen bereits auf harten Brexit vorbereitet

Teilweise sind die Einbrüche sicher auch mit der schwachen britischen Konjunktur zu erklären – aber nicht ausschließlich. Offensichtlich bereiten sich die Unternehmen auf das Szenario eines harten Brexits vor, bei dem Großbritannien die EU ohne Übergangsfrist und weitere Vereinbarungen zum 29. März verlässt. Die Folge: Großbritannien wird von einem Tag auf den anderen ein Drittstaat, der auf Einfuhren Zölle nach den Regeln der WTO und den Maß­gaben des GATT (Generell Agreement on Tariffs and Taxes) erhebt und auf dessen Einfuhren ebenfalls Zölle erhoben werden.

Diese Abgaben können in vielen Fällen deftig werden. Auf Käse liegen sie bei 44 % bezogen auf den Zollwert, bei Rindfleisch auf 40 % und bei Huhn bei 22 %. Doch das ist nur ein Teil des Problems. Im Fall einer harten EU-Außengrenze werden ohne weitere Abkommen die Zollformalitäten an den Grenzzollstellen zu erledigen sein. 

Schätzungen des niederländischen Zolls gehen von einer Abfertigungszeit von 45 Minuten pro Lkw- oder Containerladung aus. Bisher benötigt ein Lkw im Durchschnitt zwei Minuten, bis der Fahrer die Formalitäten an der Schengen-Außengrenze nach Großbritannien erledigt hat. 

Worst Case Szenario: Chaos an den Grenzzollstellen

Wenn es also vor den Fährhäfen am Ärmelkanal keine kilometerlangen Lkw-Staus geben soll, müssen Parkflächen geschaffen werden. Und natürlich müssen genügend Zollbeamte Dienst tun – auch da dürfte es Engpässe geben.

Um das Zollchaos bei einem „No Deal“ abzuwenden, will Großbritannien deshalb zum Zeitpunkt des Brexits den völkerrechtlichen Abkommen zum Gemeinsamen Versandverfahren und zur Vereinfachung von Förmlichkeiten im Warenverkehr beitreten. Das würde die Grenzproblematik entschärfen, da die Zollformalitäten auch an Binnenzollstellen erledigt werden könnten. Problem: Hier müssten neben der EU auch weitere Staaten zustimmen – aufgrund der kurzen verbleibenden Zeit bleibt da ein Risiko.

Ist die Logistik ausreichend auf den Brexit vorbereitet?

Eine weitere Frage, die Logistikmanagern Kopfzerbrechen bereitet: Welche Lkw dürfen überhaupt nach Großbritannien fahren, wenn die EU-Gemeinschaftslizenz nach einem harten Brexit ihre Gültigkeit verliert? Als Alternative zu den Gemeinschaftslizenzen kommen nur CMR-Lizenzen in Frage. Diese gibt es aber nur in begrenzter Zahl. Möglicherweise könnten auch ein paar bilaterale Genehmigungen aus der Zeit vor dem EU-Beitritt Großbritanniens wieder in Kraft treten. 

Ein Alternativ-Szenario: Die massive Transportverlagerung auf Short-Sea-Verkehre . Waren würden dann von lokalen Transportunternehmern aus den Häfen an den Zielort transportiert. Auch hier stellt sich allerdings die Frage, ob ausreichend Kapazitäten bis zum 30. März bereitstehen. 

Welchen Weg die Verkehrsströme im Falle eines „No Deals“ auch immer auf die und von der britischen Insel nehmen: Der Warenverkehr wird auf jeden Fall deutlich länger dauern. 

Gerüstet für das No-Deal-Szenario

Um Engpässe zu verhindern, müssten Industrie und Handel in Großbritannien Sicherheitsbestände aufbauen. Das alles kostet viel Geld: Der Thinktank Oxford Economics schätzt die „No Deal“-Kosten für die verbleibenden 27 EU-Mitglieder bis zum Jahr 2020 auf 112 Mrd. Euro. Für das Vereinigte Königreich kam das Institut auf einen Schaden von 140 Mrd. Euro.

Verbände wie der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) raten deutschen Unternehmen, die im Großbritannien-Handel aktiv sind, sich auf jeden Fall auf ein No-­­Deal-Szenario vorzubereiten. Selbst wenn es zu einem Austrittsabkommen mit einem Übergangszeitraum bis zum 31.12.2020 kommen sollte, wären die meisten Arbeiten nicht vergeblich. Der DIHK hat eine Checkliste, die dafür eine gute Orientierung gibt.

Logistik: 4 Themen im Fokus

Für Logistiker und Außenwirtschaftsexperten in den Unternehmen sind vier Bereiche besonders wichtig:

  • Transportwege nach Großbritannien: Wie bekomme ich meine Waren am schnellsten und günstigsten an den Bestimmungsort?
  • Verzollung: Sind meine Mitarbeiter und meine IT-Systeme brexit-ready?
  • Warenursprung und Präferenzen: Bezieht mein Unternehmen Vormaterial aus Großbritannien? Verlieren meine Waren evtl. durch den Brexit ihren EU-Ursprung?
  • Exportkontrolle: Gibt es Verbote und Beschränkungen, die nach dem Brexit meine Ausfuhren nach Großbritannien betreffen?

Im Bereich der Verzollung sind die Unternehmen am besten vorbereitet, die bereits in andere Drittstaaten exportieren. „Für den Warenverkehr mit Großbritannien bedeutet der Brexit, dass ab dem Zeitpunkt des Austritts Großbritanniens aus der EU die gleichen Regelungen bzgl. der Zollformalitäten gelten wie bei dem Warenverkehr mit anderen Drittländern“, sagt AEB-Experte Carsten Bente. Bentes Tipp an die Unternehmen: „Auf den schlimmsten Fall vorbereitet sein und die eigenen Anforderungen für die Digitalisierung des Zollmanagements festlegen.“ 

7 Tipps, um sich vorzubereiten 

Wer bisher nur innerhalb der EU Handel trieb, hat dabei eine lange To-Do-Liste abzuarbeiten. Würde Großbritannien wieder zum Drittstaat, müssten Importeure und Exporteure bis zu neun zusätzliche Dokumente ausfüllen, sagte Roel van 't Veld, ein Brexit-Koordinator beim niederländischen Zoll, gegenüber dem Nachrichtenmagazin Spiegel. 

Wobei es mit dem Ausfüllen der Formulare nicht getan ist. Bekanntlich sind Zollanmeldungen beim Zoll elektronisch einzureichen. Wer seine Zollanmeldungen nicht über das Internet beim Zoll erfassen will, braucht mindestens eine Software, die Ein- und Ausfuhranmeldungen genau abbildet. Noch besser ist es, wenn die entsprechende IT-Lösung sinnvolle besondere Verfahren wie Zolllager und aktive oder passive Veredelung beherrscht, für die natürlich entsprechende Zulassungen des Zolls vorliegen müssen. 

Zu prüfen ist auch, ob alle erforderlichen Bewilligungen und Zulassungen vorliegen. Die AEO-Bewilligung dürfte beispielsweise für den Großbritannien-Handel kein überflüssiger Luxus sein – ebensowenig wie Zolltrainings für Mitarbeiter, die bisher nur innergemeinschaftlichen Versand zu organisieren hatten.

Tipps für Unternehmen rund um den Brexit
Tipps für Unternehmen rund um den Brexit

Steigende Kosten werden das Geschäft mit UK belasten

Diese Probleme haben keineswegs nur Mittelständler, sondern auch große Konzerne wie der Automobilzulieferer Robert Bosch. „Wir stellen uns auf einen harten Brexit ein, hoffen aber auf eine Übergangsphase“, sagte Michael Kistener, Director Foreign Trade Operations bei Bosch. Kistener stellte fest, dass vor allen an den englischen Produktionsstandorten das Außenhandels-Know-how fehlt. Allerdings produzieren die britischen Werke vor allem für den inländischen Markt und müssen sich lediglich auf eine steigende Zahl von Importverzollungen aufstellen, wobei Zolldienstleister unterstützen.

Insgesamt rechnet man bei Bosch mit zusätzlichen externen Kosten für Zölle und steigenden Transaktionsaufwand in Höhe eines mittleren zweistelligen Millionenbetrags im Jahr. Dazu kommen zusätzliche interne Kosten im mittleren einstelligen Millionenbetrag für die Erfüllung zollrechtlicher Verpflichtungen – plus einmalige Initialkosten in einem niedrigen einstelligen Millionenbereich.

Auch beim deutschen Zoll hat man sich die Frage gestellt, ob das Zollsystem ATLAS brexit-ready ist. Immerhin muss der Zoll nach dem Brexit mit laut DIHK mit knapp 15 Mio. Zollanmeldungen rechnen. Zumindest hier gibt es aber offenbar Entwarnung. 

Unklar ist, ob das IT-System des britischen Zolls einem Stresstest standhält. Hier liegt die zusätzliche Belastung um ein Vielfaches höher, da der Warenverkehr mit allen EU-Staaten zusätzlich zu bewältigen ist. Die Zollbehörde Ihrer Majestät rechnet offiziell mit 260 Millionen Zollanmeldungen, die künftig zu bearbeiten sind – verglichen mit 55 Millionen jetzt.

Waren aus UK-Vormaterial können EU-Ursprung verlieren

Weniger offensichtlich, aber nicht weniger wichtig als die neuen Herausforderungen bei der direkten Zollabwicklung sind die Brexit-Auswirkungen im Bereich Warenursprung und Präferenzen. Unternehmen, die britische Vormaterialien für ihre Produktion beziehen, sollten sich den 29. März in ihrem Kalender ankreuzen. Mit dem Austritt Großbritanniens aus der EU verlieren Waren und Vormaterialien aus dem Vereinigten Königreich ihren EU-Ursprung. Das gilt selbst dann, wenn sich die EU und Großbritannien auf eine Übergangszeit bis zum 31. Dezember 2020 einigen, innerhalb derer die Briten Mitglied der Zollunion bleiben.

Dies müssen die Unternehmen bei ihrer Präferenzkalkulation berücksichtigen. Im schlimmsten Fall – beispielsweise bei einem hohen Anteil britischer Vormaterialien – verliert das eigene Produkt dadurch ebenfalls den EU-Ursprung und kann dann nicht mehr von einigen oder allen Freihandelsabkommen der EU profitieren. Dies könnten die Unternehmen umgehen, indem sie auf Lieferanten aus der EU zurückgreifen, die für ihre Waren einen EU-Ursprung nachweisen können.

Leichte Entwarnung gibt es im Bereich der Verbote und Beschränkungen – zumindest was die Einhaltung eines gleichwertigen, hohen Schutzniveaus bei britischen Produkten anbetrifft. Der britische Brexit-Minister Dominique Raab kündigte im Oktober an, dass Großbritannien die technischen Standards der EU beibehalten werde, um den Handel zu erleichtern. 

Gleichwohl gibt es Mehrbelastungen durch Kennzeichnungspflichten oder Vorlage zusätzlicher Dokumente. Und: Von Verboten und Beschränkungen betroffene Güter benötigen zur Ausfuhr in den Drittstaat Großbritannien eine Genehmigung. Derzeit ist noch unklar, ob beispielsweise die Allgemeinen Genehmigungen auf Großbritannien ausgeweitet werden.

Auch ein weicher Brexit löst nicht alle Probleme

Gelingt es den Verhandlungsdelegationen Großbritanniens und der EU, in letzter Minute ein Austrittsabkommen abzuschließen und zu ratifizieren, würden beide Parteien vor allem Zeit gewinnen. Während der dann vereinbarten Übergangszeit bis Ende 2020 sollen die Unionszollvorschriften weitergelten. Bis dahin haben die beiden Parteien Zeit, die künftigen Beziehungen zu verhandeln. 

Zumindest unter der derzeitigen konservativen Regierung Großbritanniens erscheint ein Freihandelsabkommen, ähnlich wie mit Kanada, die wahrscheinlichste Option. Es gäbe keine oder stark ermäßigte Zölle. Um in den Genuss der Zollfreiheit oder der Ermäßigungen zu kommen, müssten die Unternehmen allerdings Ursprungsregeln beachten und den Ursprung ihrer Ware nachweisen. Und: Um Zollformalitäten im Warenverkehr kämen die Unternehmen auch in diesem Modell nicht herum.

Wer hilft weiter?

Sie haben Fragen rund um den Brexit – und wissen nicht wohin damit? Hier eine Reihe von Ansprechpartnern und Organisationen, die Ihnen weiterhelfen.

Umfangreiches Material enthält das Brexit-Toolkit von AEB. Aktuelle Nachrichten zum Brexit finden Sie regelmäßig auf der AEB-Website im Magazin.

Für AEB-Kunden: Der Brexit-Ticker liefert Handlungsempfehlungen und -aufforderungen zu Updates, Servicepaketen und mehr, wenn sich bei den AEB-Lösungen Änderungen durch den Brexit ergeben.

Umfangreich und aktuell informieren die Industrie- und Handelskammern. Auf der Website der DIHK finden sich unter anderem eine hervorragende Checkliste und ein Brexit-Glossar. Außerdem können sich interessierte Praktiker für den Brexit-Newsletter registrieren lassen.

Die Verhandlungsdelegation der EU-Kommission informiert über den Stand der Dinge in deutscher Sprache auf ihrer Website.

Auch die britische Regierung als Gegenseite widmet dem Thema Brexit eine eigene Internetpräsenz.

Der deutsche Zoll hat auf seiner Internetseite einen Fachbeitrag erstellt, der wesentliche Zollfragen zum Brexit aufgreift.

Björn Helmke
Über den Autor
Björn Helmke
Björn Helmke arbeitet seit mehr als 20 Jahren als Fachredakteur in den Themenbereichen Transport und Logistik. Seit zwei Jahren schreibt der Betriebswirt (WA) mit wachsender Begeisterung über praxisbezogene Themen in der Außenwirtschaft. Sein Anspruch: Auch bei Fachthemen Lesespaß und Nutzen unter einen Hut bekommen.

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