Fenster zur Zukunft: DaziT modernisiert den Schweizer Zolltarif
Interview zum DaziT

Fenster zur Zukunft: DaziT modernisiert den Schweizer Zolltarif

Die Eidgenössische Zollverwaltung (EZV) möchte die Chancen der Digitalisierung nutzen und ihre Organisation im grenzüberschreitenden Verkehr deutlich vereinfachen.

Vereinfachungen im grenzüberschreitenden Grenzverkehr werden zum einen politisch angebahnt zum anderen aber auch technisch vorangetrieben. Die Eidgenössische Zollverwaltung strebt nun eine komplette Modernisierung an: Das Digitalisierungs- und Transformationsprogramm DaziT soll in den nächsten Jahren die EZV zum Bundesamt für Zoll und Grenzsicherheit (BZAG) entwickeln. Welche Chancen darin liegen und wie der Weg dahin verlaufen soll, besprach AEB mit einem Insider: Ingo Strasser, General Manager der AEB Schweiz AG, sitzt in den Begleitgruppen „Software-Entwicklung“ und „Wirtschaft“ zum DaziT und ringt mit allen Beteiligten um den besten Weg.

AEB: Zum Einstieg eine kleine Frage zum Außenhandel der Schweiz mitten in Europa - was treibt die Alpenrepublik gerade um?

Ingo Strasser: Da im Mai das Rahmenabkommen zwischen EU und der Schweiz scheiterte, führen nun die Äquivalenzanerkennung bei Medizinprodukten, im Maschinenbau und beim Datenschutz zu großen Problemen. Ein weiteres sehr spannendes Thema: Ab 1. Januar 2022 werden wohl die sogenannten Industriezölle aufgehoben. Betroffen sind unter anderem Autos, Maschinen und Bekleidung. Agrar- und Fischereierzeugnisse sind ausgenommen.

AEB: Bleibt da “nebenher” noch Zeit für eine echte Transformation?

Ingo Strasser: Nur durch eine konsequent ausgerichtete Modernisierung, kann die Schweiz mitten in Europa bestehen und die Eidgenössische Zollverwaltung hat ambitionierte Ziele. Im Zuge des Transformationsprozesses wird eine Revision des schweizerischen Zollgesetzes angestoßen, die Zollprozesse beim Export, Import und Transit werden angepasst und der Schutz des Schweizer Marktes rückt mit umfassenden Sicherheitsvorkehrungen an der Grenze für Bevölkerung, Wirtschaft und Staat weiter in den Fokus. Am Ende entsteht ein neues Bundesamt, das BAZG, das unter anderem mit der Ablösung von e-dec durch Passar Akzente setzen wird. Tatsächlich ist aus meiner Sicht die Veränderung des heutigen Zollgesetzes doch ziemlich bahnbrechend und zukunftsgerichtet: Das heutige Zollgesetz wird reduziert zu einem reinen Abgabenerlass und die eigentlichen zollrelevanten Prozesse und Regelungen, werden erst auf Verordnungsebene getroffen, was eine raschere Anpassung von Vorschriften und damit verbunden eine erhöhte Flexibilität ermöglicht.

AEB: Seit wann beschäftigt sich die Schweizer Zollverwaltung mit dem DaziT – und wann bist du eingestiegen?

Ingo Strasser: Das Programm DaziT wurde am 1. Januar 2018 offiziell lanciert und soll bis Ende 2026 andauern. Ich selbst bin schon seit 2017 in der Studie „Prozesse im Warenverkehr” eingestiegen. Diese wurde seitens der Geschäftsleitung der EZV mit höchster Priorität vorangetrieben und als Basis für das DaziT-Teilprojekt „Redesign Fracht“ definiert. Innerhalb des Kernteams, das sich aus Zollfachleuten in Ämtern, Verbänden und Unternehmen zusammensetzt, befassten wir uns initial mit allen Prozessen im grenzüberschreitenden Warenverkehr. In mehreren Workshops mit verschiedenen Interessengruppen, wurden zunächst die strategischen Themen als Grundlage für die Vision des DaziT-Teilprojektes “Redesign Fracht” herausgearbeitet. Gestützt auf die daraus abgeleiteten Ziele, entwickelten wir in der Arbeitsgruppe je einen Grobprozess für den Handelswarenverkehr und für die Waren des Reiseverkehrs sowie drei Profile für Vereinfachungen im Zollveranlagungsprozess. Abschließend die Detailprozesse.

AEB: Spannend! Die eidgenössische Zollverwaltung beteiligt also Unternehmen und Software-Hersteller an dem Transformationsprozess – wie geht das vor sich?

Ingo Strasser: Bei dieser Frage komme ich sehr schnell ins Schwärmen! Ich kann aus den vergangenen Jahren berichten, dass die Zusammenarbeit sehr transparent und sehr partnerschaftlich angelegt ist. Die heutigen Arbeitsgruppen bieten die Möglichkeit zur konkreten Mitgestaltung. Alle Fragen aus den Begleitgruppen werden konsequent aufgenommen, umfassend betrachtet und wenn sinnvoll und notwendig, iterativ als Problemlösung in die heutige Konzeption eingefügt.

AEB: Ein Land – viele Sprachen. Wir wirkt sich das auf den DaziT aus?

Ingo Strasser: Wie heute schon auf den Webseiten der EZV werden alle Texte auf Deutsch, Französisch, Italienisch und Englisch angeboten. Und Rätoromanisch hat DaziT und Passar sogar ihren Namen gegeben: So bedeutet das rätoromanische Wort “Dazi” schlicht und einfach “Zoll”. Es bekam ein T für den Transformationsprozess ans Ende gestellt und hat somit auch die IT mit an Bord. Das Wort “Passar” bedeutet “Passieren, verbringen, zuspielen” und passt somit ebenfalls hervorragend für die neue Zollsoftware der Schweiz. Wären wir auf einem Fußballfeld, so präsentiert sich das neue Bundesamt für Zoll und Grenzsicherheit mit Passar als idealer Anspielpartner der Wirtschaft, um möglichst reibungslos zu punkten.

AEB: Apropos Passar - was sind die wichtigsten Meilensteine in der Roadmap?

Ingo Strasser: Die Transitionsstrategie in Richtung Passar hat die EZV grafisch optimal aufbereitet und ich glaube, ein Bild sagt dazu mehr als 1.000 Worte:

Transitionsstrategie Passar

DaziT – das Transformationsprogramm der Eidgenössischen Zollverwaltung

Die EZV sorgt für umfassende Sicherheit an der Schweizer Grenze. Um dies zu ermöglichen, möchte die EZV die Organisation von Grund auf erneuern und die Chancen der Digitalisierung nutzen.
Was bedeutet DaziT und PASSAR 2023 für Ihr Unternehmen?

 Ingo Strasser, General Manager der AEB Schweiz AG
Ingo Strasser, General Manager der AEB Schweiz AG

AEB: Was beeindruckt dich bisher am meisten?

Ingo Strasser: Wenn das Geofancing die Standzeit für LKW-Fahrer an der Grenze auf ein Minimum reduziert, werden die Vorteile des DaziT am sichtbarsten. Da die Warenanmeldung in Zukunft per Telematik-Software des LKW an der Grenze aktiviert wird, kommt damit eine Zollanmeldung schon bald einem Bezahlvorgang an der Self-Check-out-Kasse eines Supermarktes gleich. Und: In Zukunft wird IoT-Technologie sogar dafür sorgen, dass sich die Ware quasi selbstständig veranlagt. Mit diesen Ansätzen wird sich die Regulierung und die Kontrollen der Importe an den Aussengrenzen, automatisch weg von der Landesgrenze bewegen und ins Binnenland verlagern.

AEB: Was rätst du Schweizer Unternehmen – wie können sie sich jetzt schon vorbereiten?

Ingo Strasser: Heute geht es in erster Linie darum, weiter auf dem Laufenden zu bleiben. DaziT ist ein agiles Projekt und damit ändern sich Detailinformationen und Timelines regelmäßig. Gerade in den Details verbergen sich aber die eigentlichen Chancen und Stolperfallen für die schweizerischen Unternehmen. Äußerst spannend wird eine ganze Weile noch bleiben: Wie sieht das neue Zollgesetz und das dazugehörige Rahmengesetz konkret aus und wie sind darin die Vereinfachungen und die Vereinheitlichung sämtlicher Zollprozesse buchstäblich ausgestaltet? Wir alle warten schon ganz gespannt auf die Version 1.0 der Zukunft der schweizerischen Zollabfertigung. Ergänzend dazu, haben wir einige wichtige Meilensteine auf unserer Webseite zum Thema DaziT grafisch aufbereitet:

AEB: Und nun noch eine letzte Frage zum Schluss: Kann sich dieser Transformationsprozess zu einer Blaupause für andere Zollverwaltungen entwickeln?

Ingo Strasser: Davon bin ich überzeugt. Das wichtige Thema des Coordinated Cross-Border-Managements (CBM) ist auf internationaler Ebene bereits in vollem Gange. Insbesondere die EFTA-Staaten Norwegen, mit seinem neuen Warenverkehrssystem «green lanes - express clearance systems and direct transport to importer», als auch Island, das seinerseits ebenfalls ein neues Express-Zollabfertigungssystem einführen wird, verfolgen ganz ähnliche Strategien wie die Schweiz. Und selbstverständlich diskutiert man aus schweizerischer Sicht sehr intensiv mit seinen Grenznachbarn, insbesondere mit Deutschland, über die Verknüpfung der IT-Systeme beider Zollverwaltungen. Schließlich soll es in Zukunft möglich werden, dass die Daten einer Zollanmeldung für beide Verkehrsrichtungen, Import wie Export, auf beiden Seiten der Grenze zur Verfügung stehen.

AEB: Vielen Dank für diese informativen Einblicke und weiterhin viel Erfolg bei der Transformation!