Außenwirtschaft

Zolllager der etwas anderen Art

In den internationalen Supply Chains spielen Zolllager seit jeher eine wichtige Rolle, um die Abgabenlast der Unternehmen zu senken. Jetzt setzen auch immer mehr vermögende Privatleute auf derartige Einrichtungen – und nutzen die gesetzlichen Grauzonen zu ihren Gunsten.

Erlesene Weine, exklusive Antiquitäten, Gemälde und Oldtimer – die Reichen und Superreichen der Welt investieren zunehmend in teure Wertgegenstände. Zolllager wie es sie in der Schweiz, Singapur oder Luxemburg gibt, werden zum Aufbewahrungsort ihrer Wahl. Vor allem in der Schweiz hat das Modell in den letzten Jahren einen Boom erlebt. „Die Nachfrage ist merklich gestiegen“, sagte Dolf Wipfli, CEO von Swiss Datasafe, dem Schweizer Tages Anzeiger bereits Ende 2013. Das Unternehmen bietet selbst derartige Einrichtungen an. „Wir bewahren Gold, Silber, Platin, Seltene Erden, Bargeld, Kunst, Diamanten und Schmuck auf“, fügt er hinzu. Der Zoll sei jederzeit darüber informiert, was dort gelagert werde, aber er erhalte keine Kundeninformationen.

Oberstes Gebot: Sicherheit und Diskretion

Die neuen Zolllager sind daher ähnlich attraktiv wie Offshore-Finanzplätze. Denn sie bieten neben höchster Diskretion und Sicherheit auch Steuervorteile. Zollabgaben und Mehrwertsteuer fallen erst an, wenn die Güter für den Verkauf in ein anderes Land bestimmt sind. Formaljuristisch befinden sich die Waren im Transit, auch wenn die Zolllager zunehmend als permanentes Zuhause der angehäuften Reichtümer dienen. Da die Betreiber sehr diskret mit dem Eigentum ihrer Kunden umgehen, ist nicht bekannt, wie wertvoll die Güter wirklich sind, die dort aufbewahrt werden Die Eidgenössische Finanzkontrolle (EFK) schätzt, dass allein in den Schweizer Zolllagern Waren im Wert von mehr als hundert Milliarden Euro liegen.

Überhaupt haben die Schweizer bei den gigantischen Schatztruhen Pionierarbeit geleistet. Ein halbes Dutzend private Zolllager befinden sich in Chiasso, Genf und Zürich. Das in Genf fungierte im 19. Jahrhundert als Getreidelager und beherbergt heute an zwei Standorten Luxusgüter auf 150.000 qm – eine Fläche, die etwa so groß ist wie 22 Fußballfelder. Aber auch andere Länder wollen eine Scheibe des Erfolgs abhaben: Ein privates Zolllager, das 2010 am Changi-Flughafen in Singapur eröffnet wurde, ist beinahe voll belegt. Ein geplantes Kultur-Zolllager in Beijing soll das größte Kunstlager der Welt werden. Von dem Boom profitieren auch Logistiker, etwa die Firma Fine Art Logistics Natural le Coultre des Unternehmers Yves Bouvier. In Genf verfügt das Unternehmen, das bei Kunsttransporten als Weltmarktführer gilt, nach eigenen Angaben über ein Zolllager mit insgesamt über 25.000 qm Lagerfläche. “Wäre es ein Museum, würden manche es wahrscheinlich für das beste der Welt halten“, rühmt sich die Firma auf ihrer Website.

Die dunkle Seite des Geschäfts

Die Zolllager in der Alpenrepublik erleichtern unter anderem die Handelsgeschäfte, bei denen die Schweiz lediglich als Umschlagplatz dient. Im Allgemeinen wissen die Zollbeamten zwar, was reinkommt und die Lager wieder verlässt. Dennoch lassen sich die Vorschriften über den Handel mit Kulturgütern, Kriegsmaterial, oder Rohdiamanten umgehen oder missbrauchen. Die Zahlung von Im- oder Exportzöllen, Transaktionsgebühren und Steuern werden so vermieden. Das macht Zolllager zu einem verlockenden Teil der schmutzigen Geld-Landschaft. Die Gefahr der Terrorismus-Finanzierung oder Geldwäsche ist groß, da Verwaltungs- und Aufsichtsmaßnahmen kaum existieren oder gar aufgehoben wurden.

Der Genfer Freihafen im Speziellen hat in der Vergangenheit mehrfach negative Schlagzeilen verursacht, da dort Raubgrabungen und andere Schmuggelware entdeckt wurden. Zudem sollen dort unzählige, mit Schwarzgeld erworbene Werke liegen, die so lange versteckt werden, bis die Verjährungsfrist abgelaufen ist.

Geldwäsche im Zolllager

„Der Kauf von oder die Investition in Luxusgüter erfolgt normalerweise nicht in der Gerichtsbarkeit, aus der die Geldmittel stammen“, schreibt Transparency International in einem Report aus dem vergangenen Jahr. „Im Rahmen solcher Transaktionen kann Schwarzgeld auf den legalen Markt gebracht werden, indem es in scheinbar „saubere“ Waren verwandelt wird.“ Oft fänden laut dem Bericht auch gestohlene Waren ihren Weg in den Luxusgütersektor. Die Betreiber behaupten aber, dass die größte Mehrheit der Nutzer weiße Westen hätten. Die Nachfrage werde nicht durch Schwarzgeld getrieben, sondern durch eine neue Sorte von Sammlern, die die wertvollen Güter nicht nur aus Leidenschaft, sondern als Investition anschaffen.

Dennoch verwundert es nicht, dass Natural le Coultre-Chef Bouvier am 25. Februar dieses Jahres in Monaco festgenommen wurde. Gegen ihn wurde ein Verfahren wegen Betrug sowie „Komplizenschaft an Geldwäsche“ eingeleitet. Inzwischen ist der Kunsthändler gegen eine Kaution von zehn Millionen Euro wieder auf freiem Fuß.

Das Lager als Hochsicherheitstrakt

Das Konzept der Zolllager ist allerdings nicht neu. Freihäfen oder Inspektionsbereiche wurden auch früher schon benutzt, um Wirtschaftsgüter und später auch Fabrikware aufzubewahren. In den vergangenen 50 Jahren entwickelten sich diese Waren zunehmend zu Gütern der gehobenen Preisklasse – ein Trend, der sich noch gesteigert hat. Kein Wunder, gibt es doch heute eine recht stattliche ultrareiche Bevölkerungsschicht. Laut dem Forbes Magazine ist die Zahl der Milliardäre der Welt 2015 auf einen Rekordwert von 1826 angewachsen. Das sind 290 mehr als im Jahr 2014. Laut Wealth-X und UBS gibt es derzeit sogar 2325 Milliardäre. Sie besitzen einen massiven Cash-Überschuss und investieren gern prestigeträchtig, beispielsweise in Kunst.

Diese Güter finden zunehmend auch optisch ein ansprechendes Zuhause. Sahen Zolllager früher eher düster aus, wurden die Räumlichkeiten mit den wertvolleren Gütern im Laufe der Zeit immer schöner. So überspannt die gigantische in sich verdrehte Metallskulptur „Käfig ohne Grenzen“ des britischen Künstlers Ron Arad die Eingangshalle des Freilagers in Singapur. Sie ähnelt dadurch einem modernen Museum oder Hotel. Ein Zolllager in Luxemburg ist ähnlich fantasievoll gestaltet. Skulpturen von Vhils, einem portugiesischen Künstler, zieren das Gebäude. Innen herrscht das perfekte Raumklima. Die Gegenstände werden mit modernster Konservierungstechnik, inklusive Licht-, Temperatur- und Feuchtigkeitskontrolle, gelagert. Die neuesten Gebäude verfügen oftmals auch über private Ausstellungsräume, wo die Kunstgegenstände potenziellen Käufern gezeigt werden können.

Tauschgeschäfte hinter verschlossenen Türen

Um ihr Privatkundengeschäft auszubauen, hat beispielsweise das Auktionshaus Christie‘s einen Raum im Zolllager in Singapur angemietet. So nutzen die Wohlhabenden dieser Welt die privaten Zolllager, um sich dort zu treffen und gegenseitig über erlesene Objekte zu verhandeln. Es ist nicht ungewöhnlich, ein Gemälde gegen eine Skulptur oder einige Kisten Wein zu tauschen. Die Güter bleiben dann einfach, wo sie sind – im privaten Zolllager – und werden lediglich von den Agenten der Käufer und Verkäufer von einem Raum in den anderen gebracht – vorbei an jeglicher Zoll- und Steuerkontrolle.

Zudem sind die Zolllager mittlerweile richtige Hochsicherheitstrakte. So ist etwa die Luxemburger Anlage mit mehr als 300 Kameras ausgestattet. Zutritt wird über biometrische Kennung oder Vibrationserkennung gewährt. Tonnenschwere Türen verschließen die Räume einbruchsicher und schützen sie auch gegen Feuer. Die Reichtümer, die sich in den Freihäfen stapeln, bereiten allerdings den Versicherern Kopfschmerzen.

Beispiel Genf: Insgesamt sollen dort mehr Kunstschätze liegen, als Versicherungsgesellschaften im Schadensfall abdecken könnten. „Kunsthändler David Nahmad und sein Bruder Ezra besitzen einen großen Bestand an moderner und impressionistischer Kunst, die sie in einem Zolllager neben dem Flughafen in Genf lagern“, schreibt das Wirtschaftsmagazin Forbes in seiner Online-Ausgabe. „Ihr Inventar umfasst Werke von mehr als 30 Blue-Chip-Künstlern, von Monet und Matisse zu Renoir und Rothko, darunter auch 300 Picassos mit einem Wert von mindestens einer Milliarde Dollar.“

Strengere Regeln geplant

Zolllager sind in der Schweiz eine Art fiskalisches Niemandsland, auch wenn sie seit 2007 Teil des Zollgebietes und der Aufsicht der Eidgenössischen Zollverwaltung (EZV) unterstellt sind. In der Praxis aber können Kunden sicher sein, dass ein hoher Grad an Geheimhaltung herrscht. Die Schweizer Zollbeamten kümmern sich nach wie vor mehr um Drogen, Waffen oder Sprengstoff als um die Herkunft eines teuren Gemäldes.

Das Eidgenössische Finanzdepartement will dem Bundesrat bis Ende 2015 eine Strategie vorlegen, um die Risiken im Bereich Zolllager zu minimieren. Es soll etwa eine Frist festgelegt werden, innerhalb welcher die zur Ausfuhr bestimmten Waren tatsächlich ausgeführt werden müssen. Weiterhin mehr Geheimhaltung bietet Singapur. Güter für das Freilager müssen beim Zoll nur sehr vage erwähnt werden. Es besteht außerdem keine Pflicht, den Eigentümer oder den Warenwert zu offenbaren.

Zum Nach- und Weiterlesen

Das Thema Zolllager ist durch die Presse gegangen – vor allem in der Schweiz. Artikel
und Reports finden Sie unter anderem auf den Websites der folgenden Medien:

  • The Economist: Über-warehouses for the ultra-rich
  • Tages Anzeiger: Luxus im Bunker
  • Transperancy International: Geldwäsche erschweren: Die Regulierung von Investitionen in Luxusgüter

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