Exporte nach Fernost

Der lange Marsch auf Chinas Markt

Einfuhren nach China sind keine Selbstläufer. Aber meistens lässt sich Ärger mit dem chinesischen Zoll vermeiden. Gute Vorbereitung mit genauem Zeitplan, der passende Agent und ein „Kümmerer“ im Unternehmen sind wichtig, damit der Warenaustausch funktioniert.

Kerstin Kloss 20.12.2018

In Shanghai knallen Champagnerkorken nicht nur in coolen Clubs. Sie knallen auch in Containern, die im Sommer bei Temperaturen über 35 Grad zu lange in der Sonne stehen. Und das passiert regelmäßig, weil die Import-Verzollung in China mehrere Wochen dauern kann. Grund dafür sind bürokratische Hürden, die Experten wie Jan Buelck, Geschäftsführer Hongkong und Südchina bei der Hamburger Spedition A. Hartrodt, als größte Herausforderung für deutsche Unternehmen bei der Zollabwicklung in China sehen. „Der Zeit- und Kostenaufwand für die Import-Verzollung ist in der Volksrepublik China im Vergleich zu Deutschland und Europa wesentlich höher“, sagt der Manager, der vor Hongkong vier Jahre in Shanghai gearbeitet hat. Dort gibt es mit Yangshan, Waigaoqiao und Wusong drei Häfen mit jeweils unterschiedlichen Prozeduren. Für alle Häfen erhalten Kunden von A. Hartrodt einen Standardzeitplan von drei bis fünf Arbeitstagen nach Schiffsankunft.

Besondere Probleme bei Neueinführung von Produkten

„Es ist ein schwieriges Thema, gerade wenn es um neue Produkte geht“, meint Dominik Bühring, Geschäftsführer und Partner bei Miebach Supply Chain Management Consulting, China. So benötigen Lebensmittel ein spezielles chinesisches Etikett. „Der Genehmigungsprozess dauert ziemlich lange“, berichtet der Experte, der seit vier Jahren in Shanghai arbeitet. Er kennt einen Fall von Baby-Milchpulver, da sei ein Dreivierteljahr ins Land gegangen.

Spontaner Export nach China funktioniert nicht

Qing Cheng, Geschäftsführerin und Partnerin bei Rödl & Partner  Management Consulting (Shanghai), bekommt fast täglich Anrufe von Mandanten, deren Importe der Zoll nicht frei gibt. Das Beratungshaus mit Hauptsitz in Nürnberg betreut im Reich der Mitte chinesische Tochtergesellschaften  von circa 500 mittelständischen Unternehmen, die meistens auch Import- und Exportportgeschäft betreiben. Dabei beobachtet die Diplom-Kauffrau, dass bei Einfuhren aus Deutschland nach China häufig der Fehler gemacht wird, sich nicht gut genug vorzubereiten. Zu klären sei: Brauchen wir eine Importlizenz, eventuell Sonderlizenzen oder eine CCC? Diese China Compulsory Certification ist vergleichbar mit anderen Zertifizierungen zur Standardisierung der Produktqualität wie etwa der europäischen CE-Kennzeichnung. „Ein spontaner Export nach China funktioniert nicht“, warnt die Fachfrau. Dann bleibe die Ware beim Zoll hängen. 

Die chinesischen Behörden prüfen genau, in welche Warenkategorie der Import fällt. Bei Maschinen wird beispielsweise zwischen neuen, gebrauchten oder geleasten unterschieden. „Jede Importart unterliegt unterschiedlichen Zollverfahren“, erklärt Cheng. Um in China eine Produktionslinie aufzubauen, wollten viele Unternehmen in der Gründungsphase zur eigenen Nutzung gebrauchte Maschinen einführen. „Aber diese werden nie vom Zoll freigegeben, weil man sich für gebrauchte Maschinen vorab bei der chinesischen Handelsbehörde registrieren lassen muss. Dort wird geprüft, ob eine Vorinspektion vor der Verschiffung oder eine weitere chinesische Importlizenz benötigt wird. Die Vorinspektion muss man vorher zum Beispiel in Bremen beantragen“, erläutert sie. Viele deutsche Mittelständler wüssten das nicht und könnten dann mit der Produktion in China nicht beginnen. Und ist die Ware beim Zoll blockiert, muss sie nach Deutschland oder Hongkong zurück verschifft werden, um vor Ort eine Vorinspektion zu beantragen.

Maschinen und Lebensmittel erfordern besondere Sorgfalt

Maschinen und Lebensmittel zählen Praxiskenner zu den kritischen Produktgruppen beim Import nach China. Kunden in diesen Segmenten betreut die Hamburger Spedition Rieck Sea Air Cargo International, die seit zwei Jahren eine eigene Tochter in Shanghai hat und zuvor mit einem Joint Venture auf dem chinesischen Markt war. „Bestimmte Anlagen und Maschinen sowie Lebensmittel benötigen zusätzlich zu den Dokumenten für die reine Verzollung zum Beispiel ein CCC-Zertifikat beziehungsweise eine CFDA-Qualitätsbestätigung von der China Food and Drug Administration“, erklärt Oliver-Karsten Thormählen, Geschäftsführer bei Rieck Sea Air Cargo International. Das bedeute oft einen erheblichen Mehraufwand. Wolfgang Lupberger, Geschäftsführer bei der Beumer Group Hong Kong, empfindet im Alltag vor allem die CCC als „Hemmschuh“. Für die Maschinenbaufirma aus Beckum in Nordrhein-Westfalen, die am Produktionsstandort Shanghai 350 Personen beschäftigt, sei die Zertifizierung sehr zeit- und kostenintensiv. Bei maßgeschneiderten Produkten mit kleinen Stückzahlen, wie sie das Familienunternehmen unter anderem für Kunden des Geschäftsbereichs Sortiertechnik herstellt, wäre dies „ein Ding der Unmöglichkeit“.

Stress mit Ersatzteilen, die der CCC unterliegen

Lupberger kennt Fälle, in denen Produkte, die auf dem chinesischen Markt nicht zu bekommen sind und der CCC unterliegen, importiert werden müssen. Das fange bei einem Elektrokabel mit einer bestimmten Qualität an, die garantiert, dass das Sortiersystem funktioniert. „Es kann sein, dass die Zertifizierung für den Kabeltyp nicht vorliegt. Dies führt dazu, dass wir die unterschiedlichsten Produkte nicht einführen können und deshalb gezwungen sind, entweder zu lokalisieren oder Ersatzlösungen zu finden, was nicht einfach ist“, berichtet er. Besonders negative Folgen hat es, wenn eine Störung mittels eines Ersatzteils schnellstmöglich behoben werden muss. Bei einer kompletten Maschine gebe es weniger Probleme, berichtet Lupberger, weil die CCC dafür im Gegensatz zu Einzelteilen nicht notwendig sei.

Genauer Zeitplan für die Importverzollung empfehlenswert

Beraterin Cheng wird nicht müde, ihren Mandanten klar zu machen, wie wichtig ein genauer Zeitplan für die Importverzollung ist. So seien für die Vorlizenz pro Lieferung jedes einzelnen Produkts mindestens drei Wochen einzukalkulieren, für die CCC drei bis vier Monate. Der Hersteller müsse sehr viele technische Unterlagen vorbereiten. Auch kontrolliere die chinesische Zollbehörde genau, ob der Zollwert korrekt angegeben, der Preis marktentsprechend ist und Lizenzgebühren – beispielsweise für Markenrechte bei Kosmetikprodukten – miteingeflossen sind. Eine weitere Herausforderung: „Viele Unternehmen müssen in den nächsten drei Jahren Einfuhrzoll und - umsatzsteuer nachzahlen wegen vergessener Komponenten bei Lizenzgebühren“, mahnt Cheng. Es gibt die Möglichkeit zur Selbstkorrektur bis Ende März im Folgejahr, sonst drohen Strafen.

Tipps für die Auswahl von Zollagenten

Egal ob Produktions-, Beratungs- oder Handelsunternehmen – die meisten arbeiten im Import nicht mit den chinesischen Zollbehörden direkt zusammen, sondern setzen dafür Customs Broker ein. Ein Grund: „Ein lokaler chinesischer Zollagent weiß um die Deutungshoheit des betreffenden Zollamtes und hat viel bessere Beziehungen als ein deutsches Unternehmen“, sagt Rieck-Manager Thormählen. Chinesen pflegen ihre persönlichen Netzwerke (Guanxi) aufwändig und profitieren davon, wenn sie etwas brauchen. Je nach Vereinbarung kann der Broker unterschiedliche Aufgaben wahrnehmen, nicht nur die des klassischen Zollagenten, der bei der Import-/Export-Zolldeklaration unterstützt. Für ein Unternehmen ohne eigene chinesische Gesellschaft kann der Agent auch die Handelstätigkeit übernehmen oder zusätzliche Lager- und Logistikdienstleistungen anbieten. Auf dem chinesischen Markt gibt es inzwischen unzählige internationale und lokale Zollagenten, was es erschwert, den richtigen Partner zu finden. „Lassen Sie sich zunächst die Geschäftslizenz zeigen“, rät Cheng, denn nicht alle Broker sind registriert. Die Firmendaten seien in einem System allgemein zugänglich und vergleichbar mit der Bonitätsbescheinigung in Deutschland, es gebe jährliche Prüfungen durch die Steuer-, Finanz-, Zoll-, Handels-, Devisen- und Statistikbehörde. Der rechtliche Status des Agenten solle unbedingt überprüft werden.

Chinas Zoll arbeitet mit einem Ranking-System

Immer wichtiger wird das zollrechtliche Ranking-System, Chinas Pendant zum europäischen AEO-Status für zugelassene Wirtschaftsbeteiligte mit Vergünstigungen sicherheitsrelevanter Zollkontrollen und/oder Vereinfachungen gemäß den Zollvorschriften. Das Ranking-System gilt für Unternehmen und Customs Broker und hat Abstufungen von AA bis D. Am schnellsten funktioniert die Zollabwicklung mit AA- oder A-Status. Die Zollbehörde bewertet jedes Jahr neu; Verstöße können dazu führen, dass herabgestuft wird. Der Zollagent sollte mindestens über einen A-Status verfügen, empfiehlt Cheng. China sei gerade dabei, das Ranking-System umzustellen: „Es soll künftig in Einklang mit den internationalen Standards, zum Beispiel Verwendung des AEO-Systems, gebracht werden.“

Wichtig sei ein persönliches Treffen mit zwei bis drei Brokern, um herauszufinden, ob die Chemie stimmt. „Sie brauchen einen Zollagenten, der mitdenkt, und das betrifft die persönliche Ebene“, sagt die Beraterin. Weitere Auswahlkriterien wie Fach- oder Englisch-Kenntnisse lassen sich bei einem Termin überprüfen. Im Idealfall findet sich ein einheitlicher Agent für alle Regionen. Oft arbeiten Speditionen allerdings mit zwei bis drei verschiedenen Brokern zusammen, an die sie durch Empfehlungen kommen. Cheng erinnert daran, einen Dienstleistungsvertrag abzuschließen, der Aufgaben und Verantwortlichkeiten genau definiert. Wichtig sei, Haftung und Schadensersatz bei Streitigkeiten schon im Vorfeld zu klären.
Sie weiß von einem Fall, bei dem der Zollagent vergessen hatte, Zollbescheide rechtzeitig weiterzuleiten und die Vorsteuerabzugsmöglichkeit für 400.000 RMB (umgerechnet mehr als 51.000 Euro) verfallen war. Da ein Service Agreement fehlte, wurde der Betrag nach langer Verhandlung letztlich von beiden Seiten geschultert.

„Kümmerer“ im eigenen Unternehmen ist unerlässlich

Wer hofft, die Import-Abwicklung zu 100 % an einen Zollagenten auslagern zu können, liegt übrigens falsch. „Sie brauchen einen „Kümmerer“ im eigenen Unternehmen“, sagt Cheng. Ein ausgewählter Mitarbeiter müsse täglich mit dem Zollagenten kommunizieren, um Prozesse anzustoßen und alles zu überprüfen. „Viele Chinesen sind es nicht gewöhnt, selbstständig zu arbeiten, sie brauchen immer genaue Arbeitsanweisungen“, erklärt sie.

Im Export ist alles leichter

Erfreulicherweise funktioniert die Zollabwicklung im Export wesentlich einfacher und lässt sich mittlerweile ohne Broker erledigen. „Die Daten werden über ein Online-Portal gemeldet“, erklärt Thormählen. Positiv findet er, dass der Zoll landesweit immer standardisierter und transparenter, auch papierloser wird. 

Bald wird die chinesische Inspektionsbehörde für Import und Export in die chinesische Zollbehörde eingegliedert. Cheng ist zuversichtlich, dass das klappt und verschiedene Behörden zusehends elektronisch vernetzt werden. „Bis es soweit ist, bleibt es bei lokal sehr unterschiedlichen Interpretationen“, beschreibt Buelck von A. Hartrodt die Situation. Das Unternehmen empfiehlt seinen Kunden übrigens, Champagner in Kühlcontainern nach China zu verschiffen.

Kerstin Kloss
Über die Autorin
Kerstin Kloss
Kerstin Kloss ist freie Fachjournalistin und hat sich auf internationale Logistikberichterstattung spezialisiert. Das Netzwerk der langjährigen DVZ-Redakteurin reicht von Europa über Afrika und Asien bis nach Lateinamerika. https://weltenjournalist.com

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