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Britischer Zoll: CDS löst CHIEF ab

So richtig glücklich ist das Timing bei der Umstellung des britischen Zollanmeldesystems von CHIEF auf CDS nicht. Wenn es dumm kommt, werden wichtige Teile der Umstellung genau in die heiße Phase des Brexits fallen. Außerdem steckt laut Robert Keen, Chef des Speditionsverbands BIFA, CDS noch im Versuchsstadium. Der Experte sieht dringenden Schulungsbedarf für Zollbeteiligte.

Björn Helmke 28.11.2018

Selten standen britische Im- und Exportspediteure vor so großen Herausforderungen wie im nächsten Quartal. Als wären die Vorbereitungen für einen eventuellen harten Brexit am 29. März 2019 nicht schon aufwändig genug, führt das Vereinigte Königreich parallel eine neue elektronischeZollanmeldung ein. Weil das 25 Jahre alte System „Customs Handling of Import and Export Freight“ (CHIEF) nicht mit dem EU-Zolldatenmodell kompatibel ist, wird es durch das neue „Customs Declaration Service“-System (CDS) abgelöst, das modularer aufgebaut ist.

CDS ist noch im Versuchsstadium

Die britische Finanz- und Zollbehörde, HM Revenue and Customs (HMRC), hat angekündigt, ab Anfang 2019 CDS für sämtliche Zolldeklarationen zu nutzen. Der Übergang von CHIEF zu CDS ist schrittweise geplant, seit August laufen Tests mit vereinfachten Prozeduren. Bislang gehe das über ein „frühes Versuchsstadium“ nicht hinaus, sagte Robert Keen, Generaldirektor des Speditionsverbands British International Freight Association (BIFA), im Gespräch mit AEB in London. Bis Mitte Oktober hätten ausgewählte Speditionen lediglich rund 100 Zolldeklarationen mit CDS abgewickelt.

Vertreter von der BIFA, HMRC und dem Software-Hersteller Agency Sector Management (ASM) touren seit Mai durch Großbritannien, um zollbeteiligte Unternehmen über CDS zu informieren. ASM wurde 1986 von der BIFA-Vorgängerorganisation gegründet. „Bislang hatten wir über 1.000 Teilnehmer“, berichtet Keen. Die Mitarbeiter von zollbeteiligten Unternehmen suchen Beratung und Trainings für das neue System, die BIFA hat aber keine internen Ressourcen für diese Experten-Trainings. „Wir haben einen Schulungsanbieter gefunden, mit dem wir zusammenarbeiten möchten“, erklärt der BIFA-Chef. Der Vertrag sei aber noch nicht unterzeichnet.

Bei Zollanmeldungen in UK ist künftig mehr zu bedenken

Mittlerweile mehren sich in den Speditionen die Zweifel, ob CDS rechtzeitig fertig wird. BIFA-Chef Keen verlässt sich zwar auf die HMRC-Garantie, dass CHIEF so lange weiterläuft, bis CDS perfekt funktioniert. Als ehemaliger ASM-Zollrepräsentant warnt er aber, dass für eine Zollanmeldung künftig viel mehr zu bedenken sei. Durch die Neufassung der Zolltarife bekommen bestimmte Datenfelder eine komplett neue Bedeutung: „Bei der derzeitigen Zollanmeldung haben wir 54 Datenfelder, unter dem Unions-Zollkodex sind 157 vorgesehen. Laut HMRC werden künftig circa 78 Datenfelder benötigt, um eine Importdeklaration auszufüllen und 65 für eine Exportdeklaration.“

Keen zufolge sind die Software-Unternehmen der Schlüssel für eine erfolgreiche Migration zu dem neuen System. „HMRC ist momentan mit 57 Software-Häusern im Kontakt“, berichtet er. Viele davon sind wie die britische AEB-Tochtergesellschaft Mitglied bei der Association of Freight Software Suppliers (AFSS). Unterschiedliche Software ermöglicht den Zugang zum Zollanmeldesystem, beispielsweise die cloudbasierten Supply-Chain-Produkte von AEB, die sich durch APIs und Standard-Konnektoren nahtlos integrieren lassen. Angesichts der Vielzahl von Software-Anbietern glaubt Keen, „dass wir keine einheitliche Umstellung von CHIEF auf CDS erleben werden.“

Längere Abfertigungszeiten für Export- und Importsendungen aufgrund der IT-Umstellung parallel zum Brexit erwartet der BIFA-Chef allerdings nicht: „Das funktioniert alles automatisch. Die meisten Güter werden sofort freigegeben, wenn der Wareneingang von CHIEF akzeptiert wurde. Bei CDS wird das genauso sein.“ Dabei bezieht sich Keen, der seit 30 Jahren im Speditionsbereich arbeitet, auf Luft- und Seefracht. Verzögerungen erwartet er hingegen bei der Lkw-Abfertigung in Dover, wo nach dem Beitritt Großbritanniens zur Europäischen Gemeinschaft 1973 Personal für Zollinspektionen im Hafen abgebaut wurde. „Noch fahren die Trucks von der Fähre direkt durch auf die Autobahn, aber wer weiß, was nach dem Brexit sein wird?“, fragt Keen.

CDS ist für 300 Mio. Zollanmeldungen ausgelegt – das reicht für den Brexit

IT-Probleme schließt er jedoch aus – selbst im Falle eines harten Brexits, wenn sich die Zahl der Zollanmeldungen bei Einfuhr und Ausfuhr abrupt vervielfacht: „Müsste vom 30. März 2019 an jede EU-Ware verzollt werden, wäre das sowohl mit CHIEF als auch mit CDS machbar“, sagt er. Das neue System ist für 300 Mio. Zollanmeldungen ausgelegt, fast sechsmal so viel wie die 55 Mio., die CHIEF derzeit bewältigt. In Spitzenzeiten soll CDS bis zu 100 Deklarationen pro Sekunde schaffen. 2017 war CHIEF nach Angaben von HMRC für Steuer- und Zolleinnahmen in Höhe von 34 Mrd. GBP (umgerechnet 39 Mrd. EUR) verantwortlich.

Bei allen Fragenzeichen zum Zoll im nächsten Quartal stellt Keen eins klar: „Die BIFA-Mitglieder bevorzugen freien Handel, selbst wenn der Brexit zu zusätzlichem Geschäft für britische Customs Broker und Spediteure führen kann.“

BIFA-Chef Robert Keen befürchtet auch beim Brexit keine IT-Probleme beim Zoll.
BIFA-Chef Robert Keen befürchtet auch beim Brexit keine IT-Probleme beim Zoll.
Über den Autor
Björn Helmke
Björn Helmke arbeitet seit mehr als 20 Jahren als Fachredakteur in den Themenbereichen Transport und Logistik. Seit zwei Jahren schreibt der Betriebswirt (WA) mit wachsender Begeisterung über praxisbezogene Themen in der Außenwirtschaft. Sein Anspruch: Auch bei Fachthemen Lesespaß und Nutzen unter einen Hut bekommen.

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