Export-/ Import-Seismograph

Ausfuhren nach Großbritannien schwächeln

Der deutsche Außenhandel hat im 1. Quartal 2017 kräftig zugelegt. Nur die Ausfuhren nach Großbritannien gingen zurück – Gründe sind laut ESD/ISD das schwache Pfund und die Unsicherheiten über den Brexit.

Der deutsche Außenhandel mit Großbritannien weist in den ersten drei Monaten des Jahres 2017 deutliche Bremsspuren auf. Der Wert der deutschen Exporte nach Großbritannien ging gegenüber dem Vorjahresquartal um 2,6 % auf 22,2 Mrd. Euro zurück. Zum Vergleich: Im Durchschnitt wuchsen die deutschen Ausfuhren in die EU-Staaten um 6,5 %. Das geht aus dem Export- / Import-Seismograf Deutschland (ESD/ISD) hervor, den das Institut für Angewandte Logistik (IAL) der Hochschule Würzburg-Schweinfurt und das auf Außenwirtschaft sowie Logistik spezialisierte Softwarehaus AEB gemeinsam herausgeben.

ESD/ISD: Bremsspuren durch den Brexit?

„Hauptgrund für diese Entwicklung dürfte das schwache Pfund sein“, sagt Geoff Taylor, Geschäftsführer der britischen AEB-Gesellschaft AEB (International) Ltd. Für britische Unternehmen und Verbraucher wird der Kauf von Gütern aus der Eurozone dadurch teurer. Als Ursache für die Währungsschwäche sieht Taylor die Unsicherheit in Großbritannien über die weitere Entwicklung. Unternehmen verschieben Investitionen, die Konsumenten halten sich mit Anschaffungen zurück. „Die Unsicherheit hat signifikante Auswirkungen für die wirtschaftliche Entwicklung“, betont Taylor. 

Das schlägt sich auch auf den Außenhandel nieder. „Eine grundlegende Änderung der Handelsströme ist zwar noch nicht zu erkennen. Aber der bevorstehende Brexit hat deutliche Spuren bei den Exportmengen hinterlassen“, betont Prof. Dr. Christian Kille vom IAL, fachlicher Leiter der Studie. Lagen die Wachstumsraten der Quartale 1/2013 bis 2/2016 noch im Schnitt bei 5,3 %, konnte im ersten Quartal 2017 bezogen auf das Gewicht nur ein Plus von 2,9 % verzeichnet werden. 

Längerfristig könnten sich die Handelsbeziehungen noch weiter abschwächen. Laut einer Umfrage des Chartered Institute of Procurement & Supply (CIPS) suchen 32 % der Supply Chain Manager von britischen Unternehmen, die bisher mit EU-Lieferanten zusammenarbeiten, Lieferalternativen in der heimischen Wirtschaft. 21 % sehen sich nach neuen Lieferanten außerhalb der EU und Großbritanniens um. „Viele Unternehmen warten die politischen Weichenstellungen in Sachen Brexit ab, bevor sie sich auf Maßnahmen festlegen“, hat AEB-Manager Taylor in vielen Gesprächen erfahren. 

Schwaches Pfund kurbelt Importe aus Großbritannien an

Bei den Importen aus Großbritannien nach Deutschland gab es im 1. Quartal ein Paradoxon. Das importierte Gewicht brach um 17,7 % auf 4,4 Mio. t ein, während die wertmäßigen Importe um 8 % auf 9,7 Mrd. Euro kletterten. Die Erklärung: Aufgrund der volatilen Entwicklung an den Energiemärkten sank die Nachfrage nach Erdöl und Erdgas aus Großbritannien um 30 %, was den mengenmäßigen Einbruch nahezu komplett erklärt. „Mit dem bevorstehenden Brexit hat das nichts zu tun“, sagt Kille. Der wertmäßige Zuwachs der Importe sei wiederum durch das schwache Pfund zu erklären, das den Einkauf britischer Konsum- und Investitionsgüter für deutsche Unternehmen und Verbraucher attraktiver macht. 

Das Handelsdefizit zwischen Großbritannien und Deutschland wächst in Q1/2017 bezogen auf die Mengen erheblich
Das Handelsdefizit zwischen Großbritannien und Deutschland wächst in Q1/2017 bezogen auf die Mengen erheblich
Beeinflusst durch das schwache Pfund wuchsen die Lieferungen aus Großbritannien nach Deutschland wertmäßig um 8 %,
Beeinflusst durch das schwache Pfund wuchsen die Lieferungen aus Großbritannien nach Deutschland wertmäßig um 8 %,

Ein Blick auf einzelne Industriebranchen zeigt ein differenziertes Bild: Die deutschen Exporteure mussten beispielsweise in der Automobilbranche gegenüber dem Vorjahresquartal heftige Einbußen hinnehmen (-9,7 % gemessen am Wert), während der Maschinenbau um 6,3 % wuchs und die Chemieausfuhren stabil blieben. Die britischen Exporteure verloren gegen den Trend im Maschinenbau (-1,6 %), der Chemie- (-5,1 %) und der Lebensmittelbranche (-12,1 %), gewannen aber dafür im Automotive-Geschäft (+2,8 %) hinzu.

UK: Einbruch für deutsche Automobilexporte
UK: Einbruch für deutsche Automobilexporte

Blitzstart für die deutsche Exportwirtschaft

Weltweit betrachtet, legte die deutsche Exportwirtschaft laut ESD/ISD nach dem verhaltenen Jahr 2016 einen Blitzstart hin. Gegenüber dem Vorjahresquartal kletterten die Exportmengen um 4,7 % auf 101,7 Mio. t. Wertmäßig gab es sogar ein Plus von 8,5 % auf 319 Mrd. Euro. Hauptkunde gemessen am Wert bleiben die EU-Länder mit einem Anteil von 60,6 %, gefolgt von den USA (9,4 %) und China (6,6 %). „Trotz der Entwicklungen zu mehr Protektionismus und Handelshemmnissen bleibt der Export auf Wachstumskurs“, kommentiert Kille. Die deutschen Importe bleiben vom Gewicht her stabil bei 164 Mio. t und stiegen wertmäßig um 10 % auf 259 Mrd. Euro.

Die Exportaktivitäten Deutschlands haben im 1. Quartal 2017 wieder deutlich an Fahrt aufgenommen.
Die Exportaktivitäten Deutschlands haben im 1. Quartal 2017 wieder deutlich an Fahrt aufgenommen.

Der Trump-Effekt blieb aus

Erstaunlich dynamisch entwickelt sich laut ESD/ISD trotz der politischen Spannungen der Handel mit den USA und Russland. Gerade die USA als wichtigster Markt für deutsche Exportgüter außerhalb der EU legte trotz der Drohungen von US-Präsident Donald Trump mit Strafzöllen nach einem schwächeren Jahr 2016 in den ersten Monaten des Jahres 2017 rasant zu. Gemessen am Gewicht stiegen die Exporte um 11 % auf 2,3 Mio. t; gemessen am Wert war ein Plus von 8,1 % auf 29,1 Mrd. Euro zu verzeichnen. „Der „Trump-Effekt“ ist bisher ausgeblieben. Das letzte Wachstum in dieser Größenordnung war im vierten Quartal 2012 zu verzeichnen“, kommentiert Kille. Was Trump freuen wird: Auch die Importe aus den USA stiegen – um 6 % sowohl bei Wert als auch bei Gewicht. Im Handel mit Russland legten die Importe gegenüber dem Vorjahrsquartal bedingt durch die höheren Energiepreise um 36 % zu. Auch die Exporte nach Russland explodierten: Gemessen am Wert gab es ein Plus von 32 %.

Exportwerte: Russland, USA und China sind Wachstumstreiber
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