S/4-Transition in Chemie & Pharma: Außenhandel neu gedacht
SAP S/4HANA

S/4-Transition in Chemie & Pharma: Außenhandel neu gedacht

Warum Zoll- und Exportprozesse im S/4HANA-Projekt neu gedacht werden müssen und was die Systemarchitektur damit zu tun hat. Wie Sie dabei Risiken im Chemie- und Pharma-Umfeld vermeiden.

Wie sich Ihr Außenhandel mit S/4HANA verändert

Wenn Unternehmen ihr ERP‑System auf SAP S/4HANA umstellen, konzentrieren sie sich im Projekt häufig zuerst auf Kernprozesse wie Finance oder Produktion. Außenhandelsprozesse werden in vielen S/4-Projekten erst spät adressiert, obwohl sie operative und regulatorische Kernprozesse betreffen.

Außerdem verändert sich mit der Migration auf S/4 genau hier eine zentrale Grundlage: Funktionen, die im SAP‑ECC‑Standard verfügbar waren – etwa Präferenzkalkulation, Ursprungsmanagement oder Teile der Zollabwicklung – stehen im S/4‑Standard nicht mehr zur Verfügung.

Außenhandelsfunktionen neu denken – auch architektonisch

Sie müssen Außenhandelsfunktionen daher künftig selbstständig ergänzen. Das kann beispielsweise über SAP GTS Edition for HANA erfolgen oder über spezialisierte Lösungen wie Add‑ons oder Clean-Core-konforme Extensions. Dabei stellt sich eine weitere Frage: Wo sollen diese Funktionen künftig betrieben werden? On‑Premises, in einer Private Cloud oder in der Public Cloud?

Mit der Migration auf S/4HANA geht es deshalb nicht nur darum, bestehende Funktionen zu ersetzen. Sie müssen Ihren Außenhandel auch architektonisch neu denken.

Außenhandel unter besonderem Anpassungsdruck

Außenhandelsprozesse stehen grundsätzlich unter hohem Anpassungsdruck. Die Chemie- und Pharmabranche ist dabei von mehreren Dynamiken gleichzeitig geprägt:

1. Clean-Core-Strategie und SAP-Transformation

SAP empfiehlt im Zuge moderner ERP-Architekturen eine Clean-Core-Strategie.

Das bedeutet: Erweiterungen sollen möglichst außerhalb des ERP-Cores umgesetzt werden, um Upgrades und Releases zu vereinfachen.

Gleichzeitig verfolgen viele Unternehmen langfristig das Zielbild einer Cloud-basierten SAP-Architektur.

2. Hohe regulatorische Dynamik

Zoll- und Exportkontrollanforderungen ändern sich regelmäßig, unabhängig von SAP-Releasezyklen.
Typische Beispiele:

  • ATLAS-Systemupdates
  • Änderungen im Exportkontrollrecht
  • EU-Zollreformen wie ICS2
Diese Anpassungen müssen häufig kurzfristig in den Systemen umgesetzt werden.

3. Validierungs- und Compliance-Anforderungen

In der Chemiebranche bestehen umfangreiche Compliance-Anforderungen im Außenhandel, etwa im Bereich Exportkontrolle und Dual-Use-Regulierung, während im Pharmaumfeld zusätzlich GxP-Regularien gelten und Systeme häufig der Computer System Validation (CSV) unterliegen.

Änderungen an solchen Systemen können beispielsweise auslösen:

  • Zusätzliche CSV-Aktivitäten
  • Re-Tests und Dokumentationspflichten
  • Teilweise vollständige Re-Validierungen

Unabhängig der beiden Branchen gilt jedoch:

Außenhandelsentscheidungen müssen nachvollziehbar dokumentiert werden. Gerade im Rahmen von Behörden-Audits ist es entscheidend, dass Prüfungen, Freigaben und Änderungen transparent und revisionssicher nachvollzogen werden können.

4. Strukturelles Spannungsfeld

Für Sie entsteht dadurch ein grundlegender Konflikt. Denn regulatorische Anforderungen müssen schnell umgesetzt werden. Gleichzeitig verlangen validierte Systeme kontrollierte und aufwändige Änderungsprozesse. Solche Abläufe nach S/4HANA zu überführen, ist allein deswegen schon eine immense Herausforderung.

Darum können bestehende Außenhandelslösungen im S/4‑Projekt zum Risiko werden

In vielen Unternehmen sind Außenhandelsprozesse historisch gewachsen. Über Jahre haben sich diese im SAP-Kern etabliert.

Typische Beispiele sind:

  • Eigenentwicklungen im SAP‑Core
  • Manuelle Workarounds
  • Stark individualisierte Prozesslogiken

Im Kontext der S/4HANA-Transformation entstehen jedoch neue Herausforderungen. Besonders dann, wenn Sie Ihre Systemlandschaft künftig in Richtung Private Cloud oder Public Cloud entwickeln möchten.

Hier kann der Ist-Zustand Probleme bei der Transformation auslösen:

  • Bisherige Lösungen kollidieren mit Clean-Core-Zielen
  • Änderungen können Validierungsprozesse auslösen
  • Regulatorische Anpassungen müssen sehr schnell umgesetzt werden

Doch gerade im regulierten Umfeld dürfen sich solche Herausforderungen nicht auf Zoll- und Exportkontrollprozesse auswirken. Ansonsten können unvollständige Ausfuhranmeldungen, fehlende Präferenznachweise oder unzureichend dokumentierte Exportkontrollprüfungen Lieferverzögerungen oder im schlimmsten Fall Lieferstopps verursachen.

Eine Außenhandelslösung sollte daher vor allem eines leisten:

Sie muss unabhängig vom aktuellen Transformationsstand funktionieren und gleichzeitig zukünftige Architekturentscheidungen unterstützen.

Ein möglicher Ansatz: SAP-nah, aber vom Kern entkoppelt

Ein Ansatz besteht darin, Außenhandelsfunktionen SAP-nah, aber außerhalb des Kerns zu betreiben. In modernen SAP-Architekturen wird dafür zunehmend das Konzept der Extensions genutzt.

Extensions für SAP ermöglichen es, S/4HANA-Systeme um individuelle Funktionen zu ergänzen, ohne den Kern zu verändern. Häufig über die SAP Business Technology Platform (BTP) im Rahmen eines Side-by-Side-Ansatzes.

Dabei liegen die Funktionen außerhalb des ERP-Cores, bleiben aber eng mit den Prozessen verbunden, beispielsweise über:

  • APIs
  • Integrationsservices
  • Standardisierte Schnittstellen

Ein weiterer relevanter Baustein sind sogenannte SAP Solution Extensions. Dabei handelt es sich um vorgefertigte, häufig branchenspezifische Erweiterungen – etwa für Außenhandel oder Compliance – die sich standardisiert in bestehende SAP-Prozesse integrieren lassen.

Der Vorteil: SAP-Funktionalitäten können gezielt erweitert werden, ohne den ERP-Kern direkt zu verändern – ein zentraler Grundsatz der Clean-Core-Strategie.

Einordnung der Extensions und Add-ons von AEB:

  • Add‑ons erweitern Ihr SAP‑System modifikationsfrei innerhalb der bestehenden ERP‑Landschaft und sind mit Architekturen von On-Premises oder der Private Cloud kompatibel.
  • Extensions werden hingegen außerhalb des ERP-Kerns per Schnittstellen mit Ihrem SAP-System verbunden und lassen den Kern unangetastet. Möglich in der Public und Private Cloud sowie On-Premises.

Vorteile von Extensions in regulierten Branchen

Gerade in der Chemie- und Pharmaindustrie kann eine Core-entkoppelte Architektur mehrere Vorteile bieten:

  • Reduzierte Core-Änderungen
  • Besser kontrollierbare Validierungsaufwände
  • Unterstützt risikobasiertes CSV-Vorgehen
  • Planbarere Release- und Updatezyklen

Dadurch lassen sich regulatorische Anpassungen oft flexibler umsetzen, ohne zentrale ERP-Strukturen zu verändern.

Eine Architektur, die mit der SAP-Strategie mitwächst

Unternehmen befinden sich bei der S/4HANA‑Transformation in unterschiedlichen Ausgangssituationen. Wie weit sind Sie? Vielleicht arbeiten Sie noch mit SAP ECC, befinden sich bereits mitten in der Migration oder planen den nächsten Schritt in Richtung Private oder Public Cloud.

Gerade deshalb gewinnen flexible Erweiterungsmodelle an Bedeutung. Mit Lösungen von AEB können Sie damit Ihre Außenhandelsprozesse so gestalten, dass sie:

  • Stabil im bestehenden ECC-System laufen
  • Während einer S/4HANA-Transformation weiter genutzt werden können
  • In der neuen Architektur integriert bleiben
  • Den ERP-Kern unangetastet lassen
  • Planbar und risikoarm zu updaten sind
  • Wartungsarm bleiben

Stabiler Außenhandel trotz Transformation

Mit einer Core-entkoppelten Architektur lassen sich Außenhandelsprozesse selbst bei häufigen Änderungen strukturierter betreiben. Beispielsweise bei:

  • SAP-Releases
  • Änderungen im Zoll- oder Exportkontrollrecht
  • Anpassungen der SAP-Architektur

Die Außenhandelsarchitektur bleibt dabei klar abgegrenzt und upgradefähig, ohne zusätzliche Core-Abhängigkeiten aufzubauen.

Fazit: Stabiler Außenhandel braucht eine passende Architektur

Für Unternehmen in der Chemie- und Pharmaindustrie ist Außenhandel weit mehr als ein logistischer Prozess. Er ist Teil einer validierungspflichtigen IT-Landschaft.
Im Zuge der S/4HANA-Transformation wird deshalb zunehmend entscheidend, wo Außenhandelslogik architektonisch verortet wird.

Eine SAP-nahe, aber Core-entkoppelte Architektur kann helfen:

  • Validierungsaufwände kontrollierbar zu halten
  • regulatorische Änderungen flexibler umzusetzen
  • Die Stabilität der Transformation zu erhöhen

Und jetzt? Prüfen Sie im ersten Schritt, wie transformationsfähig Ihre Außenhandelsarchitektur aktuell ist. Danach können Sie weiteres Vorgehen ableiten.