Interview

Brexit-Interview: "Prognosen sind weiterhin extrem schwierig"

Kommt er jetzt oder nicht? Wenn ja, wann? Und wie bereiten Unternehmen ihr Logistik- und Zollmanagement darauf vor? Diesen Fragen stellt sich Carsten Bente, Senior Consultant bei AEB, im Kurzinterview.

Jens Verstaen 26.03.2019

Jens Verstaen: Herr Bente, der Austritt Großbritanniens aus der EU verläuft alles andere als geordnet. Wie wahrscheinlich ist ein Rücktritt vom Brexit?
Carsten Bente: Ein Exit vom Brexit ist derzeit eher unwahrscheinlich – trotz Massendemonstrationen und des Mandats an die Labour-Parteiführung, sich im Falle eines Scheiterns der Brexit-Verhandlungen für eine zweite Volksabstimmung einzusetzen. 

Wann kommt es denn dann zum Brexit?
Zuverlässige Prognosen sind weiterhin extrem schwierig. Fest steht: Der Europäische Rat hat prinzipiell einer Verlängerung der Austrittsfrist bis zum 22. Mai 2019 zugestimmt. Dazu muss aber diese Woche das britische Unterhaus das mit der EU verhandelte Abkommen genehmigen. Ist dies nicht der Fall, steht als neues Brexit-Datum der 12. April. Um einen harten Brexit zu vermeiden, müsste das Vereinigte Königreich vor diesem Datum einen alternativen Weg vorgeben, der vom Europäischen Rat geprüft werden soll. Passiert dies nicht, kommt es zu einem ungeregelten Austritt und UK fällt gegenüber der EU auf den Status eines WTO-Mitgliedes zurück. 

AEB-Außenwirtschafts- und Brexit-Experte Carsten Bente
AEB-Außenwirtschafts- und Brexit-Experte Carsten Bente
AEB-Außenwirtschafts- und Brexit-Experte Carsten Bente

Carsten Bente hält der Brexit auf Trab. Als AEB-Experte referiert er auf zahlreichen Events zum Thema - etwa am 4. April auf dem Forum Ersatzteillogistik der Bundesvereinigung Logistik in Nürnberg. 





Die EU versucht Bürger und Unternehmen zu beruhigen. Die Notfallvorbereitungen für einen harten Brexit seien abgeschlossen, hieß es Anfang der Woche. Was passiert aus Ihrer Sicht bei einem No-Deal-Austritt? 
Für die britische Wirtschaft und auch für die übrigen EU-Staaten ist der harte Brexit der Worst Case. Ein ungeregelter Austritt hat beispielsweise zur Folge, dass UK den Zugang zu den Freihandelsabkommen mit der EU verliert. Und dass im Warenverkehr zwischen EU und UK Zölle und Zollformalitäten anfallen werden. Welche Konsequenzen dies in der Praxis haben wird, ist schwer abschätzbar. Studien prognostizieren massive Wartezeiten an den Grenzen. Das Imperial College London geht etwa davon aus, dass jede zusätzliche Minute bei der Grenzabfertigung zu zehn Meilen Verkehrsstau führt.


Wie bereiten Unternehmen ihre Supply Chain und Logistik auf den Brexit vor? Was sind Best Practices? 
Die häufigste genannte Maßnahme in der Logistik ist der Aufbau von Lagerkapazitäten. Gerade für kritische Ersatzteile kann dies sinnvoll sein. Allerdings sind dezentrale Lagerbestände und -flächen oftmals teuer. Viele Unternehmen suchen auch nach alternativen Transportrouten oder -modi, um beispielsweise eine effiziente Nachschubversorgung sicherzustellen. Und auch Vorbereitungen spielen in Sachen Außenwirtschaft eine große Rolle. Die zentrale Frage dabei ist, wie sich trotz neuer Zollformalitäten die Auswirkungen auf die Logistik minimieren lassen. Und dabei geht es nicht nur darum, die wachsende Menge an Zollanmeldungen effizient zu bewältigen. Auch der Einsatz von Zollerleichterungen und Verfahren wie Carnet ATA für vorübergehende Verwendungen sind wichtig, um beispielsweise Reparaturaufträge effizient abzuwickeln. 

Jens Verstaen
Über den Autor
Jens Verstaen
Mehrwert für die Leser kreieren, die Geschichten hinter den Themen finden und die wesentlichen Informationen unterhaltsam aufbereiten – das treibt ihn an. So berichtet Jens Verstaen seit mehr als 15 Jahren vor allem über Supply-Chain- und IT-Themen.

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