6 Praktiken gegen volatile Frachtraten in Straßen- und Seetransport
Praxistipps

6 Praktiken gegen volatile Frachtraten in Straßen- und Seetransport

Eine Studie der Universität St. Gallen hat untersucht, wie sich Schwankungen der Frachtpreise managen lassen. Diese sechs Praktiken können für Straßengüterverkehr und Seefracht helfen.

Vornehmlich Handelsunternehmen müssen Wartezeiten an den Be- und Entladestationen reduzieren und ihre Zeitfenster grundsätzlich hinterfragen. Hier gilt es zu prüfen, ob Teilladungen weiterhin fix für einen Tag bestellt werden müssen. Da der Fahrermangel den Flaschenhals repräsentiert, sollten Zeitfenster unter Einbezug des Logistikdienstleisters bestimmt werden.

Straßengüterverkehr: Ohne Kapazitäten geht es nicht

Die Frachtraten im Straßengüterverkehr sind erheblichen Schwankungen unterworfen, insbesondere aufgrund der hohen Spotmarkt-Aktivitäten im Komplettladungsverkehr. Diese Preisdynamik ist das Ergebnis schwerwiegender Kapazitätsengpässe, darunter Fahrermangel sowie lange Lieferzeiten für neue Fahrzeuge. In Deutschland hat das Jahr 2021 mit 76 % einen starken Überhang von Fracht- zu Laderaum bei nationalen Transporten zu verzeichnen.

 Die Absicherung stabiler Preise durch vertragliche Vereinbarungen ist daher nicht die alleinige Lösung im Straßengüterverkehr – ohne Kapazitäten geht es nicht. Der Schlüssel für die Zukunft muss für Verlader und Logistikdienstleister weiterhin darin liegen, Kapazitäten besser auszulasten.

Pufferfunktion des Spediteurs gewinnt an Bedeutung

Grundsätzlich steht die Logistik vor der Herausforderung, dass die Planbarkeit von Bedarfen und Mengenentwicklungen immer komplexer wird. Das Kundenverhalten entwickelt sich teilweise komplett gegenläufig zu historischen Erfahrungen. Flexibilität und Pufferfunktion der Speditionshäuser gewinnen damit zunehmend an Bedeutung.

Doch das Spot-Markt-basierte Generieren von Laderaum und Abdecken von Spitzenlasten funktioniert in Zeiten mangelnder Kapazitäten nicht (mehr). Spediteure müssen daher ihr Flottenmanagement überdenken. Ein stabiler Mix aus eigener Flotte, fest-gebundenen Subunternehmen (Charter-Fuhrpark) sowie One-Way- und Spotmarkt-Verkehren kann dabei helfen, besser atmen zu können.

Dazu wird für die Speditionswelt der Zukunft entscheidend sein, Frachtführer beispielsweise mittels Jahresgesprächen wie einen Kunden zu behandeln. Gleichzeitig wird das frühzeitige Einbinden von Spediteuren und das Teilen der Auftragssituation durch die Verlader entscheidend sein, um Kapazitäten gleichmäßig auszulasten und Mengen zu glätten. Die Bereitschaft ist da – der Trend dahingehend ist zumindest eindeutig.

Ausgewählte Praktiken im Straßengüterverkehr:

  • Vertragliche Preisdynamisierung durch Personalkosten-Floater
  • Längerfristige Vereinbarungen zwischen Verlader und Logistikdienstleister unter Einbezug fester Kapazitäten für den Verlader (Dedicated Fleet)
  • Vertraglich festgesetzte Minimal- und Maximalwert an Laderaum sowie fahrzeugbezogene Fixkosten-Strafe bei Unterschreitung des Minimalwerts

Seefracht: Geld ist nicht alles

Als wichtigster globaler Verkehrsträger werden in der Seefracht heute 80 % nach Volumen und 70 % nach Wert der Güter transportiert. Diese Entwicklung ist im Wesentlichen auf die Effizienzgewinne der Containerisierung und Skaleneffekte der Containerschiffe als Treiber der Globalisierung zurückzuführen.
 
Die Dynamik des Umfelds wurde dabei vielfach unterschätzt – denn Geld ist nicht alles. Die Disruptionen in der Seefracht haben ausdrücklich aufgezeigt, dass regionale (und modale) Abhängigkeiten beispielsweise von China und den dortigen Häfen reduziert werden müssen. Verlader überdenken daher zunehmend ihre Bezugsquellen.
 
Eine mögliche Entwicklung besteht in der sogenannten „China+1“ Strategie. Dabei wird zukünftig keine Produktion in China abgebaut, sondern vielmehr zusätzliche Lieferanten beispielsweise in südostasiatischen Ländern oder in Europa erschlossen. Konkurrenzfähig bleiben dann vor allem die Reedereien, die in neuen Trade Lanes ihre Kapazitäten aufbauen.

Vorsicht vor dem schwarzen Peter

Die Seefracht ist bekannt für ihren Boom-Bust-Zyklus. Vor der COVID-19 Krise war dieser geprägt von niedrigen Frachtraten, in denen die Reedereien ihre Kapitalkosten nicht erwirtschaften konnten.
Durch die Suezkanal-Blockade, fehlende Container, Hafenstaus und Blank Sailings hat sich dieses Ungleichgewicht vollständig umgekehrt. Der schwarze Peter wird den Verladern durch explodierende Frachtraten im Spotmarkt und schwindelerregende Zuschläge im Kontraktmarkt durch die Reedereien zugesteckt.
Um eine ähnliche Entwicklung in Zukunft zu vermeiden, sind Verlader, Spediteure und Carrier gut beraten, nicht nur die Symptome zu behandeln, sondern auch die zugrunde liegenden Ursachen zu adressieren. Verlader müssen sich zukünftig zu höheren Mengen verpflichten und längerfristige, durchsetzbare Verträge mit Abnahmegarantie abschließen. Spediteure müssen hingegen Hafenanläufe diversifizieren, um zukünftige Marktverwerfungen aufgrund begrenzter Hafenkapazitäten zu überbrücken.

Ausgewählte Praktiken in der Seefracht:

  • Verpflichtung zur jährlichen Zuteilung von Volumina, aufgeschlüsselt nach Hafenpaaren mit rollierender Mengenprognose
  • Verträge mit Abnahmegarantie und Tarifen für Haupt- und Nebensaison
  • Verladerseitige Kooperation in Einkaufsnetzen zur Volumenbündelung

Hintergrund:

Schwankende Frachtpreise sind der Albtraum eines jeden Verladers und Logistikdienstleisters. Dabei ist die Entwicklung von Frachtpreisen seit jeher nennenswerten Fluktuationen durch saisonale und regionale Trends ausgesetzt. Allerdings wurden in den letzten Jahren eine Vorhersage und ein adäquater Umgang zunehmend komplex. 

Nicht zuletzt im Lichte der COVID-19 sowie der Russland-Ukraine Krise kam es zu extremen Steigerungen der Frachtpreise – unabhängig vom Verkehrsträger – welche die Preissituation zusätzlich verschärfen. Wo also ansetzen?

Dieser Fragestellung hat sich eine aktuelle Studie des Instituts für Supply Chain Management der Universität St. Gallen gewidmet. Die Studienergebnisse basieren auf einem breit angelegten Studienkonsortium bestehend aus Logistikdienstleistern, Verladern und IT-Partner. 

Zusätzlich wurden im Rahmen einer umfangreichen Interview-Reihe 45 Experten zu Herausforderungen und Management-Ansätzen im Umgang mit volatilen Frachtraten befragt. Statt einer einzelnen Akteurs-Perspektive untersucht die Studie daher systematisch Best Practices aus Sicht von Verladern und Logistikdienstleistern. 

Darüber hinaus beinhaltet die Untersuchung zusätzliche Szenarien, Fallstudien namhafter Verlader und Logistikdienstleister sowie eine Auflistung von 60 relevanten Indizes und 142 digitaler Geschäftsmodelle in der Logistik.