Business Apps

Business Apps: Große Erwartungen, ungenutzte Potenziale

Mobile Apps haben den privaten Alltag längst erobert. In der Unternehmenspraxis halten sie allerdings erst zögerlich Einzug. Eine aktuelle Studie hat jetzt Chancen, Risiken und Erfolgsfaktoren für den Einsatz in Außenwirtschaft und Logistik untersucht – mit überraschenden Ergebnissen.

Jens Verstaen 18.01.2017

„Business Apps gelten aktuell als eines der heißesten Themen der (IT-)Branche.“ Diese Aussage stammt aus einem Beitrag in der Wirtschaftswoche. Erscheinungsdatum: Juli 2015. Die Argumentation des Artikels: Nicht mehr nur kleine Entwickler und Kreative beschäftigen sich mit dem Thema, sondern IT-Riesen wie IBM, SAP oder Salesforce drängen verstärkt in den Markt. Insgesamt solle der Gesamtumsatz mit mobilen Applikationen im Jahr 2017 auf 76 Mrd. Euro steigen. Rund die Hälfte der Erlöse soll dann von Business Apps kommen.

App-Gap: Hohe Erwartungen, wenig Nutzung

Ein Blick in die Unternehmen zeigt allerdings: Die Verbreitung der mobilen Applikationen in der Praxis lässt noch zu wünschen übrig. Verschiedene Studien zeichnen insgesamt ein Bild von großen Erwartungen, aber (bisher) ungenutzten Potenzialen. So gaben in einer Untersuchung des Beratungsunternehmens Accenture zwar 83 % der befragten Entscheidungsträger an, dass mobile Apps die dominierende Nutzeroberfläche der Zukunft sein werden. Allerdings war die tatsächliche Nutzung ernüchternd: Apps für mehr Produktivität hatten in Deutschland weniger als die Hälfte der befragten Firmen im Einsatz (45 %), bei Vertriebs-, Service- oder Informations-Apps für Kunden im B2B- oder B2C-Bereich war der Anteil noch geringer (42 %). Zu ähnlichen Ergebnissen kommt auch ein Forscherteam in der Studie „Der deutsche Mittelstand ‚App to date‘?“ aus dem Jahr 2016. Demnach glauben 88 % der befragten Mittelständler, dass Apps für eine Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit sorgen können. Allerdings nutzt aktuell lediglich rund ein Drittel der Unternehmen Apps – hauptsächlich für Kommunikation und Marketing, deutlich seltener für Prozessverbesserungen. Gibt es also eine App-Gap – eine Kluft zwischen Wunsch und Wirklichkeit beim Einsatz der mobilen Helfer im geschäftlichen Umfeld?

Studie: Apps in Außenwirtschaft und Logistik

Wo stehen Unternehmen aktuell beim Thema „Business Apps“? Welche Herausforderungen bringen die mobilen Helfer mit sich? Und was sind die wesentlichen Erfolgsfaktoren und Herausforderungen? Antworten auf diese und weitere Fragen liefert die wohl aktuellste Untersuchung zum Thema. Die Studie „Global Trade Management Agenda 2017“ steht zum Download bereit.


Top-Management als Treiber

Ganz so dramatisch sieht es die wohl aktuellste Untersuchung zum Thema nicht. In der „Global Trade Management Agenda“ der Dualen Hochschule Baden-Württemberg (DHBW) in Stuttgart und des Softwareanbieters AEB geben 64,2 % der Befragten an, Business Apps im beruflichen Alltag zu verwenden. 27,8 % tun dies sogar täglich bzw. mehrmals täglich. An der Studie beteiligten sich 330 Teilnehmer – größtenteils aus den Bereichen Außenwirtschaft und Logistik. Allerdings macht die Studie auch klar: Die App-Nutzung hängt stark vom jeweiligen Unternehmensbereich ab. Am häufigsten finden sich die mobilen Tools heute in Administration, Vertrieb, Marketing sowie Außenhandel und Logistik. In den drei letztgenannten wird das Thema zudem in Zukunft deutlich an Bedeutung gewinnen. Viele Unternehmen planen, hier zukünftig auf Business Apps zu setzen. Dabei scheinen vor allem die Führungskräfte Nutzer und Treiber von Business Apps zu sein. „Unsere Untersuchung zeigt: Jeder Zweite in der Gruppe der Geschäftsführer und Vorstände nutzt täglich oder sogar mehrmals täglich mobile Applikationen. Bei Mitarbeitern ohne Leitungsfunktion ist es gerade einmal jeder Fünfte“, sagt Prof. Dr. Dirk Hartel, Studiengangsleiter für BWL-Dienstleistungsmanagement/Logistikmanagement an der DHBW Stuttgart und einer der Studienautoren. Zudem schätzen Führungskräfte den Nutzen der Applikationen höher ein. Ein ebenfalls interessanter Aspekt: Die Nutzung von Business Apps sei nicht, wie man vermuten könnte, vom Alter abhängig. Durch alle Altersgruppen hinweg zeige sich eine gleichermaßen hohe Akzeptanz.

App-Nutzung für Recherche und Transportmanagement

Betrachtet man die Bereiche Außenwirtschaft und Logistik näher, liefert die Studie interessante Details zu den Einsatzzwecken. „In der Logistik werden Apps am häufigsten für Recherche und Bereitstellung von Fachinformationen verwendet“, erklärt Dr. Ulrich Lison, Portfoliomanager und Mitglied der Geschäftsleitung bei AEB und ebenfalls Autor der Untersuchung. „Zudem sind sie im Transportmanagement relativ weit verbreitet: Mehr als ein Viertel der Befragten nutzt sie für das Transportcontrolling, rund ein Fünftel im Flottenmanagement.“ Laut Studie sind zudem Logistik-Apps noch recht häufig im Behältermanagement zu finden – rund 20 % der Befragten nennen diesen Einsatzzweck. In weiteren logistischen Anwendungsgebieten – etwa Auftragsmanagement, Personalplanung oder Verladen – sind die mobilen Helfer deutlich seltener im Einsatz.

Terrorlistenscreening sind Vorreiter

Dagegen ist im Außenhandel das Terrorlistenscreening das führende Anwendungsfeld: 29,4 % der Befragten nutzen dafür bereits Apps, 33,8 % planen dies. Besonders selten werden mobile Applikationen bei der Exportkontrolle genutzt, jedoch wollen 36,8 % der Unternehmen das ändern. Auch im Zollmanagement zeichnet sich eine stärkere Verbreitung von Business Apps ab. Zwar setzt beispielsweise erst ein Fünftel der Unternehmen Apps zur Tarifierung ein, aber rund die Hälfte hat dies in Zukunft vor.

Chance: Mehr Transparenz

Doch warum sollten Unternehmen in Außenwirtschaft und Logistik überhaupt Apps einsetzen? Welche Vorteile bieten diese gegenüber klassischen Anwendungen? Die in der Global Trade Management Agenda Befragten erwarten vor allem mehr Transparenz, Flexibilität und Kontrolle durch die mobilen Tools. Rund 47 % halten diese Vorteile für „sehr wahrscheinlich“. Voraussetzung dafür ist allerdings die Integration der Apps in die bestehende IT. Dies ist laut der Untersuchung ein wesentlicher Erfolgsfaktor beim Einsatz. Ein überraschender Aspekt: Wettbewerbsdifferenzierung wird zwar von vielen als Chance genannt, erhält jedoch im Vergleich wenig Zustimmung: Nur 30,4 % halten es für „sehr wahrscheinlich“, dass Apps Unternehmen bei diesem Thema helfen. „Möglicherweise wird erwartet, dass Apps zur Selbstverständlichkeit werden und es vor allem wichtig ist, mit dieser Entwicklung Schritt zu halten“, erklärt Dr. Lison. „Erfolgt dies jedoch sehr schnell, ist die Phase nur sehr kurz, in der man sich differenzieren kann.“

Risiko: Mehr Ablenkung

Die Befragten sehen auch eine Reihe von möglichen negativen Folgen, die durch den Einsatz von Business Apps entstehen können. Rund 40 % halten es für „sehr wahrscheinlich“, dass durch Apps die „Grenzen zwischen privatem und geschäftlichem Bereich“ verschwimmen. Ebenfalls werden eine „ständige Erreichbarkeit im Business-Kontext“ und eine „Ineffizienz durch Ablenkung“ als wesentliche Gefahren gesehen. „Dadurch, dass die mobilen Geräte ständig mitgeführt werden, sind Apps und Informationen, aber auch Störungen und Ablenkungen immer präsent“, erklärt Prof. Dr. Hartel. Auffallend: Die ständige Erreichbarkeit durch Apps wird von Befragten über 40 Jahre deutlich häufiger als möglicher Nachteil gesehen als von jüngeren.

Die Zukunft spricht App

Doch trotz möglicher Nachteile: Die klare Mehrheit der Studienteilnehmer schätzt Business Apps sehr positiv ein. Neun von zehn der Befragten glauben, dass diese ein entscheidender Wettbewerbsfaktor in Logistik und Außenwirtschaft sind. Und auch wenn die aktuelle Verbreitung der Applikationen derzeit noch Luft nach oben hat – Prof. Dr. Hartel gibt sich optimistisch: „Mobile Apps sind ein Kernbestandteil der Digitalisierung. Und die Mehrheit der Unternehmen scheint diesbezüglich im digitalen Transformationsprozess angekommen zu sein.“

Wann lohnt sich der App-Einsatz?

Auch wenn Apps oftmals deutlich einfacher zu kaufen und zu installieren sind, gilt für deren Einführung Ähnliches wie bei der Implementierung einer normalen Software: Eine gute Vorbereitung ist notwendig.

Folgende grundlegende Themen und Fragen sollten Unternehmen beachten:

  • Was ist der Business Case für den App-Einsatz?
  • Welche Ziele werden mit der App verfolgt?
  • Welche Zielgruppen und Nutzerkreise werden angesprochen?
  • Welchen Mehrwert bietet die App?
  • Welche Funktionen muss die App enthalten, um die angestrebten Ziele zu erreichen?
  • Welche Personen/Abteilungen sind bei dem App-Projekt involviert?
  • Wie gestalten sich die (neuen) internen Prozesse?
  • Welche Sicherheitserfordernisse bringt die Einführung mit sich?
  • Reichen die bestehenden IT-Sicherheitskonzepte aus?
  • Welche Schnittstellen und Backend-Systeme sind notwendig?
  • Wie wird beispielsweise Betrieb, Hosting und Support organisiert?
Jens Verstaen
Über den Autor
Jens Verstaen
Mehrwert für die Leser kreieren, die Geschichten hinter den Themen finden und die wesentlichen Informationen unterhaltsam aufbereiten – das treibt ihn an. So berichtet Jens Verstaen seit mehr als 15 Jahren vor allem über Supply-Chain- und IT-Themen.

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