Brexit

No-Deal-Brexit: Das steht für beide Seiten auf dem Spiel

Im britischen Unterhaus eskaliert der Streit um die Art des Brexits. Eine Analyse zeigt, dass besonders britische Schlüsselindustrien viel zu verlieren haben. Auch deutsche Unternehmen müssen darauf achten, nicht in eine der zahlreichen Brexit-Fallen zu tappen.

Für Außenstehende erscheint das Tauziehen um die Form des Brexits im britischen Unterhaus mittlerweile fast wie eine unterhaltsame TV-Sitcom. Doch die Aussicht auf einen No-Deal-Brexit treibt zahlreichen britischen Unternehmern und ihren Angestellten den Angstschweiß auf die Stirn. Eine Analyse von AEB auf Basis von Branchenzahlen zeigt: Einige der wichtigsten britischen Schlüsselindustrien sind engstens mit Kunden und Lieferanten aus der EU verflochten. Eine Zwangsentflechtung durch einen kurzfristigen No-Deal-Brexit hätte zum einen eine vorübergehende Schockwirkung, würde aber auch langfristige strukturelle Nachteile mit sich bringen.

Bis zu 250.000 britische Kleinunternehmen müssen erstmals verzollen

Eine 2018 erstellte Prognose des Wirtschaftsinstituts IHS Markit war für den Austrittstermin 31. März zu dem Ergebnis gekommen, dass das Bruttoinlandsprodukt Großbritanniens nach einem ungeregelten EU-Austritt schlagartig um 3,5 % abstürzt, aber bereits im Laufe des Jahres 2021 wieder die Nulllinie erreicht, um dann ab 2022 mit 1 bis 2 % jährlich zu wachsen. Offensichtlichster Verlierer wären schätzungsweise 145.000 bis 250.000 britische Kleinunternehmen, die sich abrupt erstmalig mit Zollprozeduren auseinandersetzen müssten.

Aber auch Unternehmen von Weltrang und Branchen, in denen Großbritannien führend ist, würden leiden:

Luftfahrindustrie: Mit einem Umsatz von 35,9 Mrd. Pfund und einem jährlichen Wachstum von 10 % gehört die britische Aerospace-Industrie zu den wichtigsten High-Tech-Branchen auf der Insel. 95 % der Umsätze werden im Export erzielt. Die Industrie ist mit Kunden und Zuliefern in der EU über Just-in-Time-Lieferketten verbunden. Dieser Lieferketten müssten restrukturiert werden, um den Zeitverlust durch Zollprozeduren im Rahmen zu halten.

Weiteres Problem: Bisher werden die Produkte durch die European Aviation Safety Agency zertifiziert. Nach dem Brexit benötigen die Briten eine eigene Zertifizierungsstelle. Bis eine gegenseitige Anerkennung der Zertifikate vereinbart ist, kann es zu einer Doppelzertifizierung mit entsprechenden Kostensteigerungen kommen. Bei Verwendung für die Luftfahrt gibt es (bislang) bei vielen Waren Zollfreiheit.

Automotive: Die britische Automotivebranche produziert etwa 1,6 Mio. Fahrzeuge pro Jahr, von denen 77 Prozent exportiert werden. Von den 1,23 Mio. Exportfahrzeugen gehen 58 Prozent in die EU. Zölle auf WTO-Niveau würden die Exporte mit 1,8 Mrd. Pfund belasten. Für einige Automobilhersteller würde sich die Standortfrage stellen. Das britische Werk von Toyota in Burnaston (Derbyshire) produziert 150.000 Fahrzeuge im Jahr, wovon 90 % in die EU exportiert werden. Sowohl Zölle als auch Supply Chain Hindernisse beim Import von Komponenten und beim Fahrzeug-Export würden das Ergebnis von Toyota massiv belasten. Bisher liefern jeden Tag 1.100 Lkw aus der EU Komponenten im Wert von 35 Mio. £ in britische Montagewerke – oft just-in-time oder just-in-sequence. Ein Aufbau zusätzlicher Lagerstufen würde die Produktion zusätzlich massiv verteuern.

Lebensmittelindustrie: Die britische Lebensmittelindustrie ist die größte Industriebranche Großbritanniens mit 400.000 Beschäftigten in 6.600 Unternehmen. Sie könnte auch der größte Verlierer eines No-Deal-Brexits sein. Die Supply Chains für Lebensmittel und Getränke würden mit durchschnittlich 27 % Zollabgaben belastet. Der Lebensmittelhandel müsste 9.3 Milliarden £ Zusatzkosten in seine Preise einkalkulieren. Auch Logistikprobleme beim Transport verderblicher Güter über die Grenzen wären zu lösen. Ein weiteres Problem: Die britische Lebensmittelindustrie ist auf billige Arbeitskräfte aus der EU angewiesen. 130.000 der 400.000 Angestellten haben die Staatsbürgerschaft eines anderen EU-Staates.

Pharmabranche: Die Verflechtung der britischen Pharmabranche mit der EU ist extrem hoch. 80 % der importierten Medikamente mit einem Gesamtwert von jährlich 27,7 Mrd. Pfund kommen aus anderen EU-Staaten. Jeden Monat werden schätzungsweise 82 Mio. Packungen mit Medikamenten zwischen der EU und UK hin- und hertransportiert. Befürchtet werden Versorgungsengpässe und Zusatzkosten durch die Restrukturierung der Supply Chains. Großbritannien fällt außerdem aus der Zuständigkeit der EMA, die für Lizensierung und Regulierung des EU-Pharmamarktes zuständig ist.

Diese Aufgaben würde für Großbritannien die existierende Behörde UK MHRA übernehmen. In der EU bereits zugelassene Medizinprodukte können weiterhin im Vereinigten Königreich verkauft werden. Konformitätsbewertungen europäischer Prüfinstitute werden anerkannt. Die Mehrzahl der im Vereinigten Königreich zugelassenen Medikamente verfügt über eine EU-Zulassung. Für britische Medikamente, die neu auf den EU-Markt kommen sollen, muss nach einem No-Deal-Brexit eine zusätzliche EU-Zulassung beantragt werden. Entsprechend gilt die Regelung für EU-Medikamente, die neu auf dem britischen Markt eingeführt werden sollen. Sie brauchen eine britische Zulassung. 

Ready for Brexit – weitere Infos von AEB

Der mögliche Austritt Großbritanniens aus der EU ist aufgeschoben, aber nicht aufgehoben. Auf den folgenden Seiten sehen Sie was sich in Sachen Global Trade Management ändert, wenn Großbritannien zum Drittland wird. Und wie Sie sich am besten vorbereiten können.

Deutsche Brexit-Vorbereitung auf Hochtouren

Sowohl Bundesregierung als auch Industrie- und Handelskammern empfehlen den deutschen Unternehmen dringend, die Vorbereitungen auf einen No-Deal-Brexit umgehend voranzutreiben. Nicht nur bei den Zöllen und der Supply-Chain-Gestaltung sind Hausaufgaben zu erledigen. Deutsche Exporteure sollten sich beispielsweise darauf vorbereiten, dass sie unter Umständen für nicht-harmonisierte Produkte die britischen Anforderungen erfüllen müssen.

Das gilt auch für den Fall, dass die Produkte bisher ohne eine Anpassung an die britischen Bestimmungen im Vereinigten Königreich in Verkehr gebracht werden durften. Umgekehrt ist darauf zu achten, dass Waren aus dem Vereinigten Königreich die nationalen Anforderungen desjenigen EU-Mitgliedstaates erfüllen, in den sie eingeführt werden. Betroffene Produkte sind beispielsweise Fahrräder, Bekleidung oder Möbel. Ein Beispiel für das künftige Auseinanderfallen technischer Standards: Großbritannien hat angekündigt, ein britisches Äquivalent zum europäischen CE-Kennzeichen namens UKCA einzuführen.

Mit zahlreichen Neuerungen ist auch im umsatzsteuerlichen Bereich zu rechnen. Zu den Brexit-Folgen für deutsche Unternehmen gibt es eine gute Zusammenfassung der Industrie- und Handelskammern. Sehr empfehlenswert ist auch das Brexit-Update der IHK Region Stuttgart.

Fit für den Brexit mit AEB

Als Anbieter von Zoll- und Logistiklösungen hat AEB sich und seine Produkte sorgfältig auf den Brexit vorbereitet. Für Unternehmen, die ihre britischen Niederlassungen kurzfristig mit Zolllösungen ausstatten müssen, steht mit Export Filing: CHIEF/CDS und Import Filing: Chief/CDS praxiserprobte Cloud-Software zur Verfügung.

Wer vor dem 31.10. einen (letzte)n Brexit-Update braucht, ist herzlich zum AEB-Online-Seminar „Brexit - Auswirkungen auf Ihr Unternehmen“ am 15. Oktober eingeladen.

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