EU-Austritt

Brexit: Sicher ist nur die Unsicherheit

Mit der Wahl des Brexit-Hardliners Boris Johnson zum Premierminister haben sich die Chancen auf einen EU-Austritt Großbritanniens ohne Austrittsabkommen deutlich erhöht. Was der britischen Wirtschaft und ihren Handelspartnern noch mehr zu schaffen macht, ist das Fehlen einer verlässlichen Planungsbasis.

Björn Helmke 14.08.2019

Vielen britischen Unternehmen ist es inzwischen schon fast egal, ob der Brexit hart oder weich wird. Und ob das Austrittsdatum der 31. Oktober ist – oder später. Sie wollen nur eines: Endlich einen zuverlässigen Planungshorizont zu bekommen, um ihr Geschäft halbwegs sicher durch die Turbulenzen des britischen EU-Austritts zu führen. „Unsicherheit ist die größte Bedrohung für die Unternehmen“, sagt Geoff Taylor, Geschäftsführer der britischen AEB-Gesellschaft.

Doch auf Planungssicherheit müssen die Briten und ihre ausländischen Handelspartner wohl noch einige Zeit warten. Zwar hat die Wahl des Brexit-Hardliners Boris Johnson zum Premierminister die Wahrscheinlichkeit eines No-Deal-Brexits zum 31. Oktober deutlich erhöht. Doch die Conservative Party und ihre Koalitionspartner verfügen nur über eine hauchdünne Mehrheit im britischen Unterhaus – und ein Misstrauensvotum könnte Johnson jederzeit aus dem Amt fegen. 

Neuwahlen als verdecktes Brexit-Referendum?

Zwar spekulieren ausländische Medien, der gewiefte Taktiker Johnson könnte sein Land einfach in einen No-Deal-Brexit taumeln lassen. Aber andere Politik-Experten und AEB-Manager Geoff Taylor rechnen mit einer anderen Variante. Sie glauben an Neuwahlen, bis zu denen der Brexit notfalls nochmals aufgeschoben werden könnte. „Johnson hofft, durch einen Wahlsieg mit einer komfortablen Mehrheit seine Politik besser durchsetzen zu können“, sagt Taylor. Politische Beobachter registrieren, dass sich die oppositionelle Labourparty immer deutlicher gegen den Brexit und für einen Verbleib in der EU positioniert. Folge: Eine Wahl könnte sich zu einem verdeckten zweiten Referendum über den EU-Austritt entwickeln.

Rezession – sogar bei einem Deal

Wirtschaftlich schadet die Brexit-Hängepartie den Briten bereits heute. Die Bank of England sieht aufgrund der bereits langen Phase wirtschaftlicher Unsicherheit schon jetzt die Chance von 33 %, dass es Anfang 2020 in Großbritannien zu einer Rezession kommt – und zwar sogar für den Fall, dass ein Deal noch zustande kommt. Angesichts einer niedrigen Inflationsrate, moderater Arbeitsmarktzahlen und einem (geringen) Wirtschaftswachstum derzeit, hoffen viele Briten, dass die heimische Wirtschaft eine kurze Rezession übersteht. Demgegenüber warnen verschiedene Wirtschaftsinstitute vor einer langen und tiefen Rezession. 

15. Oktober: AEB liefert neuestes Brexit-Wissen

Brauchen Sie ein Brexit-Update? Unser Brexit-Experte Carsten Bente hilft gern weiter. Am 15. Oktober bietet er ein Online-Seminar zum Brexit an, in das die aktuellsten Erkenntnisse einfließen.

Unternehmen sollten sofort handeln

Taylors Rat an die Unternehmen: „Nicht länger spekulieren, sondern umgehend mit den Vorbereitungen auf den Brexit beginnen.“ Das betrifft beispielsweise das Supply Chain Management, bei dem mit längeren Lieferzeiten für Waren aus der EU zu rechnen ist, der Auswahl alternativer Lieferanten und gegebenenfalls dem Aufbau von Pufferbeständen – was schwer fallen dürfte, weil nach Angaben der UK Warehousing Association lediglich 6,8 % der landesweiten Lagerkapazität frei ist. Für Unternehmen, die Handel mit Geschäftspartnern in der Rest-EU betreiben, ist das Zollwesen entsprechend anzupassen. Dazu gehört zwingend eine IT-Strategie für den Im- und Export.

Brexit ist wesentliches Geschäftsrisiko für deutsche Unternehmen

Auch die deutschen Unternehmen träfe der Brexit hart. Der DIHK sieht bereits jetzt den Brexit als entscheidende Ursache für die sich abschwächende deutsche Konjunktur. Zuletzt hatte der DIHK seine Prognose zum Wirtschaftswachstum Deutschlands von 0,9 % zu Jahresbeginn auf 0,6 % gesenkt. Zudem rechnet man für dieses Jahr mit einem Exportwachstum von lediglich 1 %. Bei 2.500 Niederlassungen deutscher Firmen im UK und 750.000 Arbeitsplätzen in Deutschland, die vom Export nach Großbritannien abhängen, sei der Brexit ein wesentliches Geschäftsrisiko für die deutsche Wirtschaft.

Björn Helmke
Über den Autor
Björn Helmke
Björn Helmke arbeitet seit mehr als 20 Jahren als Fachredakteur in den Themenbereichen Transport und Logistik. Seit zwei Jahren schreibt der Betriebswirt (WA) mit wachsender Begeisterung über praxisbezogene Themen in der Außenwirtschaft. Sein Anspruch: Auch bei Fachthemen Lesespaß und Nutzen unter einen Hut bekommen.

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