Außenwirtschaft

Brexit: Die Uhr tickt – Logistik bereitet sich vor

Immer noch ist nicht absehbar, ob und wie der Brexit kommt. Maßnahmen wie zusätzliche Fährverbindungen und das gemeinsame Versandverfahren sollen jetzt ein Logistikchaos nach dem EU-Austritt Großbritanniens verhindern.

Jens Verstaen 01.02.2019

Weniger als 60 Tage vor dem geplanten Austrittsdatum herrscht weiter Unklarheit, wie der Brexit konkret aussehen wird. Nach einer erneuten Abstimmung im britischen Unterhaus über diverse Anträge und Vorschläge am 29. Januar wird zumindest deutlicher, was das Parlament in London will: Und zwar, dass es einen Brexit nur geben soll, wenn ein Austrittsabkommen mit der EU zustande kommt. 

Ein Antrag enthielt eine entsprechende Mehrheit. Zudem votierten die Abgeordneten für Nachverhandlungen mit Brüssel über die Irland-Frage. Letzteres stößt bei den europäischen Verhandlungspartnern allerdings auf keine Gegenliebe: Die EU-Kommission lehnte Nachverhandlungen umgehend ab.

Logistik: Ausbau der Fährverbindungen geplant

Unterdessen gehen die Logistik-Vorbereitungen auf einen möglichen harten Brexit weiter. Laut der Nachrichtenagentur Reuters will die britische Regierung mehr als 100 Mio. Pfund in zusätzliche Fähren investieren. Diese könnten auf neuen Routen über den Kanal für etwas Entspannung in Sachen Logistik sorgen, falls die Terminals in Calais bzw. in Dover und Folkestone durch Zollkontrollen überlastet wären. Auch die EU spricht über neue Fährkapazitäten – allerdings geht es darum, Verbindungen von Irland zu anderen EU-Staaten zu fördern.

Entlastung an den Grenzen könnte die Nutzung des gemeinsamen Versandverfahrens bringen. Die Wirtschaftskammer Österreich rechnet damit, dass dadurch nach dem Brexit Staus an den neuen Außengrenzen vermieden werden könnten. 

Das Verfahren ermöglicht es, Waren an deren endgültigem Bestimmungsort zu verzollen. Beim Grenzübertritt wird lediglich kontrolliert, ob der Versandschein vorhanden und ob ein Raum- oder Packstückverschluss vorgenommen wurde, dessen Verschlüsse noch unverletzt sind. Sowohl EU als auch britische Vertreter wollen, dass Großbritannien nach dem Brexit im Versandverfahren bleibt.

Britischer Zolltarif steht fest

Neue Erkenntnisse gibt es mittlerweile auch zum Zolltarif, der nach dem Brexit für die Einfuhr von Waren aus Drittstatten in das Vereinigte Königreich gelten soll. Diesen hat die britische Regierung mittlerweile veröffentlicht. Ab wann der Zolltarif (WTO-Schedule) angewendet wird, hängt davon ab, ob es einen harten Brexit oder eine Übergangsphase geben wird. 

Der Zolltarif entspricht laut eines Berichts von Germany Trade & Invest weitgehend dem EU-Zolltarif und steht auf der Website der britischen Regierung zum Download bereit. Unterschiede zum Zolltarif der EU erläutert die britischen Regierung in einer beigefügten Erklärung

Brexit? Zollvereinfachungen nutzen!

Kommt es zum Brexit, können auch im Warenverkehr mit dem Vereinten Königreich alle Zollverfahren, die im grenzüberschreitenden Handel mit Drittländern notwendig sind, gemäß Art. 5 Nr. 16 i.V.m. Art. 210 Unionszollkodex (UZK) genutzt werden. Hier gibt es Vereinfachungen, die Unternehmen prinzipiell nutzen können.

„Bei der Ausfuhr nach Großbritannien könnte es also beispielsweise Vereinfachungen hinsichtlich Kleinsendungen, reduzierten Datenanforderungen bei der Anmeldung oder der Befreiung von der Abfertigung beim Binnenzollamt geben“, sagt Carsten Bente, Senior Consultant bei AEB, der zurzeit zahlreiche Vorträge in ganz Deutschland zum Thema „Vorbereitungen auf den Brexit“ hält.

Generell gelte: „Aus einem Drittland eingeführte Nicht-Unionswaren müssen innerhalb bestimmter Fristen in ein Zollverfahren überführt oder wieder ausgeführt werden. Die Überlassung von Nicht-Unionswaren zum zollrechtlich freien Verkehr wird sowohl im Normalverfahren als auch im vereinfachten Verfahren unterstützt", so der Außenwirtschaftsexperte. Bestimmte Zollverfahren bedürfen allerdings einer vorherigen Bewilligung. Informationen zum Thema 

Angaben und Erläuterungen zu den Zollanmeldungen enthält das Merkblatt zu Zollanmeldungen, summarischen Anmeldungen und Wiederausfuhrmitteilungen – Ausgabe 2019.

Zoll-Know-how wird beim Brexit entscheidend sein

Überhaupt wird das Zollmanagement im Falle eines EU-Austritts Großbritanniens eine wichtige Rolle spielen. Zwar sei damit zu rechnen, dass die Briten nach einem „No-Deal-Brexit“ zunächst pragmatisch reagieren und Lkw an der Grenze einfach durchwinken werden, zitiert die Deutsche Verkehrs-Zeitung Thomas Pütter, Leiter Prozessdesign & Systeme beim Lebensmittellogistiker Nagel-Group. Doch müssten die Unternehmen damit rechnen, dass sie nachträglich von den Behörden zur Rechenschaft gezogen werden. Es sei daher zwingend erforderlich, die nötigen Kompetenzen für ein Zollverfahren aufzubauen, um keine bösen Überraschungen zu erleben. 

Webinar gibt Handlungsempfehlungen

Neben dem Zollmanagement gibt es noch jede Menge weiterer Themen, die Unternehmen beim Brexit in Sachen Außenwirtschaft beachten müssen. AEB hat daher eine Webinar-Serie mit Carsten Bente aufgesetzt, in der der Experte die wichtigsten Handlungsfelder und -optionen aufzeigt und Tipps zur Vorbereitung gibt. In 90 Minuten erhalten die Teilnehmer essenzielle Informationen unter anderem zu Präferenzmanagement, Exportkontrolle und Dreiecksgeschäften.

Jens Verstaen
Über den Autor
Jens Verstaen
Mehrwert für die Leser kreieren, die Geschichten hinter den Themen finden und die wesentlichen Informationen unterhaltsam aufbereiten – das treibt ihn an. So berichtet Jens Verstaen seit mehr als 15 Jahren vor allem über Supply-Chain- und IT-Themen.

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