IT-Management

Test statt Crash: 7 Tipps fürs Software-Testen

Nach der Einführung einer neuen Software sollte vor dem Go-live eine Testphase stattfinden. Sieben Tipps wie man das Software-Testen optimal organisiert.

Björn Helmke 11.04.2017

Das Chaos kam schnell und zunächst geräuschlos. Der amerikanische Sportartikelanbieter Finish Line führte im Jahr 2015 ein neues Order- sowie ein neues Warehouse-Management-System (WMS) ein. Damit wollte das Unternehmen sein Bestellwesen, das Bestands- und Lagermanagement in ihrer Logistik, in Filialen und im Online-Handel modernisieren. Das Projekt lief unauffällig bis zum Go-live, der für Herbst 2015 geplant war – und endete dann in einem Desaster.

„Das neue System war nicht in der Lage, das Frachtvolumen zu verarbeiten, das wir in den Verkaufsplänen für die Hochsaison zum Ende des Jahres vorgesehen hatten“, erklärte Glenn Lyon, damals Chairman und CEO von Finish Line. Die Filialen wurden ergo nicht ausreichend beliefert – und auch Online-Bestellungen liefen ins Leere. Und das im Weihnachtsgeschäft.

30 Mio. US-Dollar Umsatzeinbußen

Die Konsequenzen folgten auf dem Fuß und waren verheerend: Finish Line verlor damals fast 30 Millionen US-Dollar Umsatz im Online- und stationären Geschäft und kündigte an, 150 Läden in den kommenden vier Jahren zu schließen. 
Was war passiert? Eine Ursache für den katastrophalen Start der neuen Software: Die Einführung glich kurz vor Inbetriebnahme einer Operation am offenen Herzen, denn die Effizienz der Systeme war nur mangelhaft getestet worden: Tests wurden vernachlässigt, Mitarbeiter nicht in Testszenarien eingebunden und auch die Kooperation mit den IT-Partnern, Beratern und Dienstleistern ließ zu wünschen übrig.„Der größte Fehler“, so Dan Gilmore, Redakteur bei der US-Publikation Supply Chain Digest, die den Fall ausführlich analysiert hatte, „war, die Systeme wurden hochgefahren – aber Anwender, Prozesse und Technologien waren für die Volllast nicht bereit.“

Aus Fehlern lernen

Das Finish-Line-Beispiel ist sicher ein Extremfall. Aber es zeigt, wie wichtig Testen und Change Management bei Technologieänderungen sind. Dafür gibt es zwar kein Patentrezept. Die folgenden sieben Tipps sollen aber Ansätze geben, um das eigene Testen auf den Prüfstand zu stellen und zu verbessern.

1. Auf die Strategie kommt es an: Vorabplanung statt Fehlersuche

Fehler nicht erst suchen, sondern vorab definieren, welche Prozesse fehlerfrei laufen müssen. Wird eine neue Software-Lösung eingeführt, so ist beim Test zunächst „Mut zur Lücke“ nötig. Ein Test, bei dem in der Dokumentation des Programmes beschriebene Funktionen auf Fehler untersucht werden, ist wenig sinnvoll. Stattdessen sollte sich das Anwenderunternehmen die Frage stellen: Welche in der Software abgebildeten Prozesse sind geschäftskritisch? 

Dabei sollten realistische oder mögliche Szenarien durchgespielt und getestet werden, beispielsweise auftretende Belastungen der Supply Chain in der Hochsaison. Matthias Kieß, Geschäftsführer bei AEB, sagt: „Das Unternehmen sollte Stressparameter definieren und festlegen, ab wann ein System nach der eigenen Definition ordentlich funktioniert. Für diese Stressparameter sollten im Rahmen des Projekts individuelle Monitoringfunktionen eingerichtet werden – damit man frühzeitig merkt wo eine schleichende Verschlechterung stattfindet.“

2. Den Test vorbereiten: Vorsorge ist besser als Nachsicht

Ein wesentliches Kriterium für erfolgreiches Testen ist es, die Prüfphasen entsprechend vorzubereiten. Dazu zählt beispielsweise Umfang, Timing und Verantwortlichkeiten organisatorisch zu verankern, so dass diese etwa in Projektplänen berücksichtigt werden. Dabei müssen auch Besonderheiten bedacht werden: Etwa, wenn eine neue Software vorgeschriebene Anforderungen und Richtlinien einzelner Branchen oder Kunden tangiert. 

Wichtig ist auch ein realistisches Zeit- und Ressourcenmanagement, da Mitarbeiter eventuell Urlaub haben oder aus anderen Gründen nicht verfügbar sind. Werden mehrere Systeme parallel neu eingeführt oder aktualisiert, so müssen die Tests synchronisiert und orchestriert werden. Aber auch bei der Implementierung nur einer Lösung sind oft unterschiedliche Fachbereiche involviert, deren Testphasen aufeinander abgestimmt werden müssen.

Um die Komplexität in der Testplanung zu reduzieren, kann ein agiler, schrittweiser Ansatz Vorteile bieten. Werden in kleinere Päckchen geschnürte Funktionalitäten getestet und treten hier bereits Unzulänglichkeiten auf, kann das Change Management schnell eingreifen und sukzessive nachbessern. 

Laut Tinka Meier, Program Manager bei AEB, ist bei der Testplanung auch die Einhaltung des Regelbetriebs zu beachten. „Wird eine alte Lösung durch eine neue ersetzt, so können sich die Mitarbeiter beispielsweise eine bestimmte Zeit pro Tag oder Woche um den Test des neuen Systems kümmern. Das Tagesgeschäft läuft dann im Regelbetrieb weiter.“ Sie konstatiert: „Qualität kommt vor Quantität.“

3. Das Management geht voran: Alle mit an Bord holen

Mitarbeiter, die Software testen, müssen sicher sein, dass sie die volle Unterstützung durch das Management haben. Die internen Auftraggeber einer Softwareeinführung müssen die Bedeutung der Tests kennen und – wenn nötig – Unterstützung anbieten und die mit der Einführung verbundene Vision darstellen. Wenn es gelingt, den Usern ihre Sorgen zu nehmen, wächst deren Bereitschaft, sich bei den Tests zu engagieren. Oft wird deshalb schlecht oder nicht getestet, weil die betroffenen Mitarbeiter befürchten, nach erfolgreicher Einführung der IT wegrationalisiert zu werden.

Werden Anwendungen in Unternehmen durch neue Software ersetzt oder für ehemals manuelle Prozesse eine IT-Lösung eingeführt, so kommt das für manche Mitarbeiter einem Kulturschock gleich. Anwender sollten deshalb von der Effizienz des Systems überzeugt werden und sich mit der Applikation vertraut machen. „Dazu zählt beispielsweise, einfach mal das System hochzufahren und zu schauen, was sich hinter einzelnen Buttons verbirgt oder wie die einzelnen Masken aussehen“, sagt Tinka Meier. Zudem sollten die Mitarbeiter die Prinzipien, nach denen die Lösung funktioniert, nicht nur verstehen, sondern diese sogar mitdefinieren, um das System den individuellen Anforderungen des Unternehmens bzw. der eigenen Abteilung anzupassen. Ob das „Customizing“ dann funktioniert, kann so optimal getestet werden. Ebenso wichtig ist die Kommunikation im Team, beispielsweise bei regelmäßigen Treffen.

4. Eng mit den Anbietern zusammenarbeiten: Kollaboration ist Trumpf

Viele Unternehmen haben erkannt, dass externe IT-Dienstleister das Potenzial besitzen, bestimmte Prüfungen schneller und zielgerichteter umzusetzen. Spezialisierte Service-Anbieter verfügen über Ressourcen, die die Unternehmen selbst oft nicht besitzen. Denn um eine Testabteilung unter eigener Regie zu betreiben, fehlt den Unternehmen selbst oftmals das Know-how.
„Wenn Anwender und Anbieter gut zusammenarbeiten, zahlt sich das beim Test und beim Go-live aus“, sagt Meier. Denn der Dienstleister hat das technische und der Kunde das fachliche Know-how, das nötig ist, um eine funktionierende Lösung zu implementieren.

5. Auf die Datenqualität in Vorsystemen achten

Nur etwa jedes siebte Unternehmen in Deutschland sieht sich im Stammdatenmanagement sehr gut aufgestellt – so das Ergebnis einer aktuellen Studie des Beratungshauses Lünendonk. Doch mangelhafte Datenqualität wirkt sich auf die Testphase bei Softwareeinführungen negativ aus. „Wer sich das Testen erleichtern will, sollte vorab die Datenqualität in Vorsystemen ganz genau anschauen“, erklärt Meier. Wenn in einem Vorsystem beispielsweise bestimmte Versandstellen nicht gepflegt sind, können später auch die entsprechenden Lieferscheine nicht automatisch erstellt werden.

Deshalb sollten fehlerhafte Stammdaten so weit als möglich aktualisiert werden. „Je höher der gewünschte Automatisierungsgrad durch die Lösung ist, umso wichtiger ist eine makellose Datenqualität“, weiß die Projekt-Expertin. Für Zolllösungen beispielsweise müssen die Gewichtsangaben korrekt geliefert werden. Auf dem Gebiet der Logistik- und Außenwirtschaftssoftware, wo unternehmensübergreifende Prozesse, Zusammenarbeit und Datenaustausch von entscheidender Bedeutung sind, müssen natürlich auch die Schnittstellen zu Kunden, Lieferanten und Partnern getestet werden.

6. Checkliste und Tools

Tools sind kein Wundermittel für Softwaretests. Am Anfang gilt es, die unternehmerischen Prozesse herauszuarbeiten, die geschäftskritisch sind. Sie stehen ganz oben auf der Checkliste für den Ablauf eines Softwaretests. Danach kommt die Auswahl geeigneter Test-Werkzeuge, mit denen sich Prozesse und Methoden optimal testen lassen. Diese helfen Schwachstellen aufzudecken, bedeuten aber oftmals auch einen höheren Aufwand. Und garantieren keine Fehlerfreiheit. Es gibt große Unternehmen, die monatelang testen und zahlreiche, mächtige Tools einsetzen – und trotzdem treten noch Fehler auf“, berichtet AEB-Geschäftsführer Kieß. „Oft gibt einem der Einsatz von den Tools eine Scheinsicherheit: „Wir haben doch alles getan was man nur tun kann.“ Gerade die intuitive Einschätzung von Verantwortlichen („da läuft was schief“ oder „da müssen wir mal hinschauen“) spielt eine wichtige Rolle.“

7. Beim Test über den IT-Tellerrand blicken

„Viele Probleme treten auf, wenn die physische Welt auf das IT-System trifft“, weiß der Logistik-Experte Kieß. Setzt eine neue Lager-IT beispielsweise auf Scanner und Barcodes, nützt es wenig, wenn die Software an sich reibungslos funktioniert, aber die Barcodes auf den Paketen durch Schmierspuren der Fördertechnik nicht gescannt werden können. Oder die Pakete zu leicht sind, sodass diese vor der Scanstation auf dem Förderband umkippen.

„Da kann die IT noch so viel getestet werden – der Gesamtablauf wird nicht funktionieren“, erklärt Kieß. Eine ganzheitliche Betrachtung mit einem detaillierten, erfahrenen Blick auf die Prozesse, beispielsweise im Rahmen eines Lagerrundgangs, kann hier so manch böse Überraschung vor dem Start vermeiden.

Björn Helmke
Über den Autor
Björn Helmke
Björn Helmke arbeitet seit mehr als 20 Jahren als Fachredakteur in den Themenbereichen Transport und Logistik. Seit zwei Jahren schreibt der Betriebswirt (WA) mit wachsender Begeisterung über praxisbezogene Themen in der Außenwirtschaft. Sein Anspruch: Auch bei Fachthemen Lesespaß und Nutzen unter einen Hut bekommen.

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