Interview

"Künstliche Intelligenz ist eine disruptive Kraft"

Quo vadis, künstliche Intelligenz? Ein Gespräch mit Dr. Damian Borth, Direktor des Deep-Learning-Kompetenzzentrum am Deutschen Forschungszentrum für künstliche Intelligenz.

Franziska Widmaier 22.05.2017

AEB: Herr Dr. Borth, wann genau gilt ein System als intelligent?

Dr. Damian Borth: Das ist eine schwierige Frage, weil wir uns mit einer Definition von Intelligenz sehr schwer tun. Nach meiner Definition sind Maschinen dann intelligent, wenn sie etwas lernen, ohne dass dies genau so in ihrem Code vorprogrammiert ist. Ich zeige also beispielsweise einer Maschine hunderte Bilder eine Katze. Eine intelligente Maschine erkennt selbst, welche Bereiche zur Erkennung einer Katze relevant sind. Und zwar ohne, dass ich vorgebe, sie solle nach spitzen Dreiecken auf dem Kopf, den Ohren, oder zwei runden Kreisen, den Augen, suchen. Würde ich das vorher programmieren, dann würde die Maschine nur diese eine Regel befolgen und ein andersartiges Katzenbild nicht erkennen. 

AEB: Inwiefern ist der Einsatz intelligenter Systeme für Unternehmen heute schon ein Wettbewerbsfaktor?

Dr. Damian Borth: Künstliche Intelligenz ist nicht irgendein Wettbewerbsfaktor, es ist der Wettbewerbsfaktor. Vergleichbar mit dem Internet 1996 können wir heute sagen: Künstliche Intelligenz wird zukünftig das wichtigste Alleinstellungsmerkmal von Unternehmen sein. Künstliche Intelligenz ist keine Industrie, die gerade am Entstehen ist, sondern eine disruptive Kraft, die in jede einzelne Industrie hineinwirkt. Unternehmen, die in Zukunft vorne mitspielen möchten, müssen ihre Daten intelligent in Künstliche-Intelligenz-Systeme einbauen. Wer das Thema nicht ernst nimmt und rechtzeitig handelt, wird zukünftig einen Wettbewerbsnachteil haben. 

AEB: Was sollten Unternehmen tun, um sich für diese Anforderungen zu rüsten?

Dr. Damian Borth: Unternehmen müssen verstehen, dass sie ihre Strategie neu ausrichten müssen und dass Künstliche Intelligenz ein essenzieller Bestandteil davon sein sollte. Bei der Personalplanung sollten Data Scientists berücksichtigt werden. Denn sie können die Daten entsprechend bearbeiten, um daraus einen Wettbewerbsvorteil zu ziehen. Aber nicht nur das: Indem Daten verarbeitet und neu kombiniert werden, können neue Produkte oder Angebote entwickelt werden. Die meisten Unternehmen haben einen Schatz an Daten, den es nur zu heben gilt. 

AEB: Welche Möglichkeiten gibt es in der Logistik, die eigenen Daten wertschöpfend zu nutzen?

Dr. Damian Borth: Es gibt Unternehmen, die zu uns mit einem ganz konkreten Problem kommen, das sie mit Künstlicher Intelligenz lösen möchten. Wir überlegen dann gemeinsam, wie wir vorhandene Ansätze aufgreifen und weiterentwickeln können. Im Bereich der Logistik beschäftigen sich Unternehmen beispielsweise damit, wie die Datenströme entlang der Supply-Chain optimiert werden können. Mögliche Fragen sind hier: Wie kann ich meine Logistikprozesse optimal timen, wenn etwa die Produktion plötzlich ausfällt oder eine Wartung durchgeführt wird? Wie können Wartezeiten oder die Anzahl der Leerfahrten reduziert werden? Algorithmen können hier helfen, flexibel auf bestimmte Situationen zu reagieren und Prozesse zu optimieren.

AEB: Wissen alle Unternehmen bereits, wie sie das Thema Künstliche Intelligenz konkret angehen sollten?

Dr. Damian Borth: Einige Unternehmen haben noch keine genaue Vorstellung, wie intelligente System in ihrem Unternehmen eingesetzt werden können, wollen aber den Absprung nicht verpassen. Wir gehen mit den Verantwortlichen dann durch die Business Units und schauen, wo es geeignete Ansatzpunkte und Use-Cases gibt und erstellen ein Proof of Concept. In Folgeprojekten können wir gemeinsam mit dem Unternehmen die intelligenten Technologien implementieren.

AEB: Viele Menschen haben Angst, dass intelligente Maschinen zukünftig ihren Arbeitsplatz einnehmen. Ist diese Angst berechtigt?

Dr. Damian Borth: Diese Angst gibt es bereits seit es Maschinen gibt. Ob Dampfmaschine, Fließband oder Computer – jede industrielle Revolution hat eine Veränderung des Arbeitsmarktes ausgelöst. Bestimmte Tätigkeiten sind weggefallen, andere sind neu entstanden. Und genauso wird es mit der vierten industriellen Revolution rund um die Digitalisierung auch sein. Bestimmte Arbeitsabläufe werden automatisiert, dafür entsteht gleichzeitig ein völlig neues Arbeitsfeld rund um das maschinelle Lernen zum Beispiel.

AEB: Wie können wir uns auf diese Verschiebung der Arbeitswelt vorbereiten?

Dr. Damian Borth: Wir müssen uns gut überlegen, wie wir die nächste Generation ausbilden. Es gilt, für die Digitalisierung benötigte Berufsbilder noch stärker in unseren Universitäten und Schulen zu verankern. Beispielsweise werden Data Scientists zukünftig eine zentrale Rolle einnehmen. Wir müssen Informatik in Deutschland gesellschaftsfähig machen, so wie beispielsweise in den USA. Dort sind Informatiker Rockstars, in Deutschland gelten sie eher als introvertierte Mitstudenten.

AEB: Es gibt immer wieder Stimmen, die die Festlegung ethischer Standards für die KI verlangen. Empfinden Sie solche Forderungen als sinnvoll?

Dr. Damian Borth: Das ist ein sehr wichtiges Thema. Doch bevor wir uns über ethische Standards unterhalten, müssen wir ein Klassifikationssystem von Künstlicher Intelligenz einführen. Es gibt Künstliche-Intelligenz-Systeme, die potenziell Entscheidungen über Menschenleben treffen, z. B. Roboter-Chirurgen oder autonome Fahrzeuge. Es gibt Künstliche-Intelligenz-Systeme, die Einfluss auf unsere Umwelt haben, wie Steuerungssysteme von Bohranlagen, Ölplattformen oder Staudämmen. Und es gibt Künstliche Intelligenzen, die Katzen- von Hundebildern unterscheidet. Es gibt also bestimmte Klassen, von denen einige auf jeden Fall ethische Standards benötigen. Bei anderen Klassen sehe ich einen deutlich geringeren Bedarf. Wenn wir diese Klassifizierung nicht berücksichtigen und alle KI einem Zwang der Regulierungen unterwerfen, laufen wir Gefahr, dass wir Innovationen ausbremsen.

Franziska Widmaier
Über die Autorin
Franziska Widmaier
Franziska Widmaier ist Redakteurin und im Bereich Corporate Communications tätig. Als #twitterperle betreut sie außerdem die Social-Media-Kanäle bei AEB. Die Kommunikationswissenschaftlerin ist seit 2013 bei AEB und schreibt am liebsten über die neuesten Trends in Logistik und IT.

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