Arbeitsmarkt

Wenn Unternehmen Flüchtlinge einstellen

Immer mehr Unternehmen versuchen Flüchtlinge als Auszubildende und Arbeitskräfte zu gewinnen. Welche Chancen bringt dies mit sich? Und welche Hürden sind zu meistern?

Franziska Widmaier 19.04.2016

Irgendwann hielt er die Kämpfe zwischen Regierungstruppen und Taliban, die ständigen Bomben und die tägliche Angst vor dem Tod nicht mehr aus. 2013 floh der damals 15-jährige Hassan Jalal (Name von der Red. geändert) aus Afghanistan – ohne Begleitung und ganz auf sich allein gestellt. Sein Ziel war das sichere Europa, ein besseres Leben und eine Perspektive für die Zukunft.

Wenn Cem Dursun von der Flucht des jungen Afghanen erzählt, wirkt er abgeklärt. Denn Hassans Geschichte ist eine von tausenden dieser Art – und Dursun kennt viele davon. „Tagtäglich kommen junge Flüchtlinge zu uns ins Büro, die meist wegen des Krieges aus ihren Heimatländern flüchten mussten“, erzählt der Projektleiter der Arbeitsgemeinschaft selbstständiger Migranten. Immer weiter wächst die Zahl der minderjährigen Flüchtlinge in Deutschland. Laut einem Bericht der Diakonie Deutschland kommen rund 5 % aller in Westeuropa einreisender Flüchtlinge minderjährig und unbegleitet, die meisten von ihnen sind zwischen 15 und 17 Jahren.

In Deutschland stehen sie unter besonderem Schutz – so schreibt es das europäische Recht vor. Sie haben einen Anspruch auf Inobhutnahme durch das Jugendamt, einen persönlichen Vormund und Unterbringung in Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe, soweit ein entsprechender Bedarf festgestellt wird. Und sie haben rechtlich sofortigen Zugang zu Schule und Ausbildung – theoretisch. Was hier recht einfach klingt, sieht in der Realität häufig anders aus. Flüchtlinge haben es auf dem deutschen Arbeitsmarkt nicht leicht. Ob jemand einen Ausbildungsplatz bekommt, hängt von vielen Faktoren und Zufällen ab. Die größten Hürden sind mangelnde Deutschkenntnisse und in vielen Fällen ein fehlender Schulabschluss. Nachholen können Flüchtlinge ihren Abschluss in Deutschland je nach Bundesland nur bis zum 16. oder 18. Lebensjahr. Ältere Flüchtlinge sind auf spezielle Bildungsprojekte angewiesen, die es längst nicht überall gibt.

Die „deutsche Gründlichkeit“ bremst Unternehmen aus

Laut einer Umfrage der Bundesvereinigung Logistik (BVL) können sich rund drei Viertel der deutschen Logistikfirmen vorstellen, Flüchtlinge einzustellen. Viele Unternehmen der Logistikwirtschaft sehen es als ihre gesellschaftliche Verantwortung an, den Flüchtlingen Möglichkeiten bei der Arbeitsmarktintegration zu bieten. Doch häufig bremst die deutsche Gründlichkeit den ersten Enthusiasmus aus. Denn nur, wenn beispielsweise der entsprechende Aufenthaltsstatus geprüft wurde, können Flüchtlinge ein Arbeits- bzw. Ausbildungsverhältnis eingehen – und das dauert oftmals Monate.

Darüber hinaus gibt es in Deutschland mindestens ein Dutzend Statuskombinationen für Flüchtlinge: asylsuchend, geduldet, mit oder ohne hypothetischen Zugang zum Arbeitsmarkt, aus politischen oder humanitären Gründen, seit zwölf Wochen, 15 Monaten oder vier Jahren schon im Land, als Kontingentflüchtlinge eingereist und einige weitere. Je nach Status gilt eine andere Regelung, ist eine andere Behörde zuständig. Kein Wunder also, dass sich viele Unternehmen vom deutschen Bürokratie-Dschungel abschrecken lassen. 

Immerhin: Seit November letzten Jahres ist gesetzlich geregelt, dass Flüchtlinge schon nach drei Monaten – anstatt wie bisher nach neun Monaten – arbeiten oder mit einer Ausbildung beginnen dürfen. Voraussetzung: sie finden einen Betrieb, der sie einstellen will. Eine Vorrangprüfung, d. h. dass Deutsche und EU-Ausländer ein Vorrecht auf die freien Jobs besitzen, ist für nicht-anerkannte Flüchtlinge für die ersten 15 Monate vorgeschrieben. Cem Dursun betont: „Möchte ein Unternehmen einen jungen Flüchtling trotz fehlender Arbeitsgenehmigung einstellen, kann dieser mit der Ausländerbehörde in Kontakt treten, von der potenziellen Ausbildungsmöglichkeit berichten und somit eine (befristete) Arbeitserlaubnis erwirken.“

Wie Unternehmen als Arbeitgeber profitieren können

Im Jahr 2015 blieben laut Bundesagentur für Arbeit knapp 50.000 Ausbildungsstellen unbesetzt. Kein Wunder also, dass 41 % der deutschen Unternehmen in der Beschäftigung von Flüchtlingen Möglichkeiten zur Fachkräftesicherung in ihrem Unternehmen sehen. Zu diesem Ergebnis kam eine repräsentative Umfrage der Internationalen Handelskammer Anfang 2015. Unternehmen können etwa freie Lehrstellen mit, in den meisten Fällen, hochmotivierten und lernbereiten Bewerbern besetzen. Häufig haben Flüchtlinge keine kurze oder mittelfristige Rückkehroption, da sie in ihrer Heimat politisch verfolgt werden bzw. dort aufgrund von Bürgerkrieg keine Perspektive existiert. Sie haben ein besonderes Interesse daran, sich in Deutschland eine neue Existenz aufzubauen und sind bereit, viele Anstrengungen auf sich zu nehmen.

Dies zeigt sich besonders auch bei jungen Flüchtlingen. „Lehrkräfte an Berufsschulen und ausbildende Betriebe berichten von einer hohen Leistungsbereitschaft und sehr gutem Sozialverhalten“, erzählt Maria Stock, Sozialpädagogin beim SOS-Kinderdorf und Teamleiterin einer Wohngruppe für unbegleitete, minderjährige Flüchtlinge im Landkreis Landsberg. Die Flüchtlinge wissen, dass Schulbesuch und Berufsabschluss nicht selbstverständlich sind und sie beides für eine dauerhafte Perspektive in Deutschland benötigen – nicht zuletzt, weil dies auch die Entscheidung über ihren Aufenthalt durch Ausländerbehörde oder Härtefallkommission beeinflussen kann. So versuchen sie, durch hohe Disziplin zum Teil vorhandene sprachliche Defizite auszugleichen. 

Auch der kulturelle Hintergrund der Flüchtlinge kann für Arbeitnehmer zum Vorteil werden. Maria Stock erklärt: „Die meisten jungen Flüchtlinge sind sehr höflich, haben gute Umgangsformen und bereichern dadurch das Ausbildungsverhältnis. Zum Beispiel ist in der arabischen Welt Respekt gegenüber älteren Personen ein wichtiger Teil der Wertehaltung. Für viele deutsche Jugendliche haben diese Werte nicht mehr denselben Stellenwert.“ Darüber hinaus können Unternehmen auch Image-technisch profitieren, wie Cem Dursun betont: „Eine Firma, die Flüchtlinge einstellt, fördert eine multikulturelle Gesellschaft, indem sie die Integration vorantreibt. In der Öffentlichkeit wird dieses Unternehmen dadurch als weltoffen und sozial engagiert wahrgenommen.“

Finanzielle Unterstützung für Betriebe

Unternehmen, die sich dafür entscheiden, Arbeitgeber für Flüchtlinge zu werden, können auf vielfältige Unterstützungsmöglichkeiten zurückgreifen. So können Betriebe beispielsweise einen Eingliederungszuschuss für Flüchtlinge beantragen, wenn alle sonstigen Fördervoraussetzungen und die aufenthalts- und arbeitserlaubnisrechtlichen Voraussetzungen vorliegen und eine nachhaltige Integration in den Arbeitsmarkt erreicht werden kann. Darüber hinaus erhalten Unternehmen finanzielle Unterstützung im Falle einer sogenannten „Einstiegsqualifizierung“, bei der Jugendliche und junge Erwachsene auf eine Berufsausbildung vorbereitet werden. Sie bietet Arbeitgebern die Möglichkeit, Fähigkeiten und Fertigkeiten über einen Zeitraum von 6 bis 12 Monaten im täglichen Arbeitsprozess zu beobachten. Die Betriebe können so Ausbildungsinteressenten an eine Ausbildung in ihrem Betrieb heranführen, wenn sie aktuell noch nicht in vollem Umfang für eine Ausbildung geeignet sind.

Die Agentur für Arbeit bietet außerdem ausbildungsbegleitende Hilfen. So kann z. B. ein spezieller Unterricht und gegebenenfalls begleitende sozialpädagogische Betreuung zum Abbau von Sprach- und Bildungsdefiziten beitragen und/oder das Erlernen fachtheoretischer Kenntnisse und fachpraktischer Fertigkeiten fördern. Die Agentur für Arbeit entwickelt für die entsprechenden Unternehmen individuelle Maßnahmenpakete.

Warum es manchmal trotzdem nicht funktioniert

Dass trotz der Offenheit eines Unternehmens und großer Motivation der Flüchtlinge einige Belastungen auf das Arbeitsverhältnis zwischen
Unternehmen und Flüchtlingen zukommen können, bestätigt Lothar Semper, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer München und Oberbayern, gegenüber der Zeitung Die Welt. So liegen bundesweit die Abbruchquoten bei etwa 25 %. Als Gründe nennt er Schwierigkeiten beim Erlernen der deutschen Sprache sowie die geringe Bezahlung. Die meisten Flüchtlinge kämen mit der Vorstellung, schnell viel Geld verdienen zu können und sind dann von dem vergleichsweise niedrigen Lohn enttäuscht. Weitere Gründe können sein, dass viele junge Flüchtlinge alleine in Deutschland leben und ihre Familien so sehr vermissen, dass sie sich nicht auf die Ausbildung konzentrieren können. Andere wohnen in Flüchtlingsunterkünften, die so überfüllt sind, dass die Jugendlichen nicht genügend Schlaf und Ruhe zum Lernen haben.

Als Lösung schlägt Semper vor: „Wir dürfen die Flüchtlinge auch während der Ausbildung nicht allein lassen, sonst scheitern sie.“ Berater sollen den Ausbildungsleitern in den Betrieben helfen, mit besonderen Problemen von Flüchtlingen umzugehen und dafür zu sensibilisieren.
Cem Dursun stimmt Sempers Lösungsvorschlägen zu und berichtet: „Auch bei uns gab es Flüchtlinge, die nach einigen Monaten ihre Ausbildung abbrechen mussten, weil sie die Berufsschule nicht geschafft haben. Aber wir erleben meist hochmotivierte, junge Flüchtlinge, die teilweise täglich extra Lerneinheiten einschieben, um z. B. sprachliche Defizite durch besonders gute Leistungen in anderen Bereichen auszugleichen.“
Hassan aus Afghanistan hat übrigens seinen Platz in Deutschland gefunden. Innerhalb von zwei Jahren hat der mittlerweile 17-jährige die mittlere Reife abgeschlossen. Seit kurzem macht er eine Ausbildung zum Kaufmann im Einzelhandel.

Franziska Widmaier
Über die Autorin
Franziska Widmaier
Franziska Widmaier ist Redakteurin und im Bereich Corporate Communications tätig. Als #twitterperle betreut sie außerdem die Social-Media-Kanäle bei AEB. Die Kommunikationswissenschaftlerin ist seit 2013 bei AEB und schreibt am liebsten über die neuesten Trends in Logistik und IT.

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