ESD/ISD

Politischer Konflikt schlägt auf Türkei-Handel durch

Die deutschen Exporte an den Bosporus sind im 1. Halbjahr 2017 wertmäßig um mehr als 10 Prozent gesunken. Die Unternehmen klagen über protektionistische Maßnahmen der türkischen Behörden. Insgesamt wächst der deutsche Außenhandel dynamisch.

Björn Helmke 27.10.2017

Der andauernde politische Konflikt zwischen der deutschen und der türkischen Regierung hat sich im 1. Halbjahr 2017 deutlich in der Handelsbilanz zwischen beiden Ländern niedergeschlagen. Das geht aus dem Export- / Import-Seismografen Deutschland (ESD/ISD) hervor, den das Institut für Angewandte Logistik (IAL) der Hochschule Würzburg-Schweinfurt und das auf Außenwirtschaft sowie Logistik spezialisierte Softwarehaus AEB gemeinsam herausgeben.

Gemessen am Wert fielen die deutschen Exporte in die Türkei um 10 Prozent auf 10,4 Mrd. EUR zurück. Gemessen am Gewicht legten die deutschen Türkei-Exporte dennoch um 5,7 Prozent zu. „Die stark unterschiedliche Entwicklung der Exportwerte und -gewichte in die Türkei rührt daher, dass insbesondere die Automobilindustrie mit ihren hochwertigen Gütern deutlich weniger in die Türkei ausgeführt hat“, sagt Prof. Christian Kille vom IAL. Auch der Maschinenbau verzeichnete Rückgänge. „Angesichts des ansonsten dynamischen Exportwachstums von 6,1 Prozent spricht vieles dafür, dass der Rückgang im Türkei-Handel vor allem politische Gründe hat“, kommentiert AEB-Geschäftsführer Markus Meißner.

Die Importe aus der Türkei stiegen zwar um 3,3 Prozent auf 8,1 Mrd. EUR an – damit partizipierte die Türkei jedoch weit unterdurchschnittlich am deutschen Importboom in den ersten sechs Monaten dieses Jahres. Insgesamt importierte Deutschland Güter im Wert von 516 Mrd. EUR aus dem Ausland – das sind 9,2 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum.

Deutliche Zunahme der Zahl von Handelshemmnissen in der Türkei

Auch für die Zukunft deutet nichts darauf hin, dass der deutsch-türkische Handel schnell auf einen nachhaltigen Wachstumspfad zurückkehrt. Dem Außenwirtschaftsreport 2017 der Deutschen Industrie- und Handelskammer zufolge schränkt eine steigende Zahl von Handelshemmnissen durch die türkische Verwaltung die Geschäftsaussichten deutscher Exporteure ein. 23 verschiedene Verordnungen zur Produktsicherheit bestimmter Warengruppen hat die Türkei nach Erkenntnissen der IHK Region Stuttgart allein im laufenden Jahr erlassen. Auch die deutsche Regierung übt in dem Konflikt Druck aus: Im zweiten Halbjahr 2017 wird der restriktive Kurs bei Genehmigungen von Rüstungsexporten in die Türkei greifen, den Außenminister Sigmar Gabriel angekündigt hat. 2016 exportierte Deutschland Rüstungsgüter im Wert von 84 Mio. EUR an den NATO-Partner Türkei.

„Langfristig ist ein Handelskonflikt für die Türkei riskanter als für die deutsche Seite. Der Anteil der Türkei an den deutschen Exporten liegt gemessen am Wert bei 1,7 Prozent. Umgekehrt gehen mehr als 10 Prozent der türkischen Exporte nach Deutschland“, fasst Prof. Christian Kille zusammen.

Russland-Geschäft boomt trotz Sanktionen

Mit Ausnahme der Türkei und dem von einer Wirtschaftskrise geschüttelten Brasilien boomte die deutsche Außenwirtschaft im 1. Halbjahr 2017. Die gesamten Exporte legten im Vergleich mit dem Vorjahreshalbjahr um 6,1 Prozent auf 638 Mrd. EUR zu. Gemessen an der Menge betrug das Wachstum 2,5 Prozent, wobei Waren mit einem Gewicht von 205 Mio. t ausgeführt wurden. Wachstumslokomotiven beim Export waren – gemessen am Wert – China (+13,4 Prozent) und Russland (+26,1 Prozent). Bemerkenswert ist vor allem die Erholung des Handels mit Russland. „Trotz der nach wie vor geltenden Sanktionen und Gegensanktionen aufgrund des Ukraine-Konfliktes nähern sich Im- und Exporte wieder den früheren Zahlen an“, sagt Kille.

Haupthandelspartner Deutschlands bleiben die anderen EU-Staaten mit einem Anteil von 60 Prozent am gesamten Exportwert und einem Anteil von 76,5 Prozent gemessen an den Exportmengen. Auf der Importseite sind die Verbindungen ähnlich eng. Mit einem Wachstum von 5,5 Prozent beim Wert und 2,4 Prozent beim Gewicht trugen die EU-Staaten maßgeblich zu dem starken Exportergebnis Deutschlands bei. Eine Ausnahme bildet Großbritannien. Die deutschen Unternehmen exportierten 3 Prozent weniger (gemessen am Exportwert) an den nach den USA und Frankreich drittgrößten Exportpartner. „Das liegt auch am schwachen Pfund. Außerdem hören wir von unserer britischen Tochtergesellschaft, dass sich angesichts der unklaren Situation beim Brexit die Unternehmen mit Investitionen zurückhalten. Das trifft auch den deutschen Export“, erklärt Markus Meißner.

Export wird für Unternehmen immer komplexer

Meißner weist darauf hin, dass sich die deutschen Exporteure trotz der guten Halbjahreszahlen keineswegs in einer Komfortzone befinden. „Angesichts der weltweit wieder wachsenden Zahl von Handelshemmnissen wird der Außenhandel immer komplexer. In vielen Ländern sind Exporte ohne lokale Zollkompetenz entweder durch eigene Mitarbeiter oder durch spezialisierte Zollagenten kaum effizient durchzuführen. Es ist für Unternehmen, die in vielen Exportmärkten aktiv sind, eine große Herausforderung, die Broker oder lokalen Zollabteilungen an die zentrale Zoll-IT anzubinden. Hier sind durchgängige Lösungen nötig“, sagt Meißner.

Björn Helmke
Über den Autor
Björn Helmke
Björn Helmke arbeitet seit mehr als 20 Jahren als Fachredakteur in den Themenbereichen Transport und Logistik. Seit zwei Jahren schreibt der Betriebswirt (WA) mit wachsender Begeisterung über praxisbezogene Themen in der Außenwirtschaft. Sein Anspruch: Auch bei Fachthemen Lesespaß und Nutzen unter einen Hut bekommen.

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