ESD/ISD

Brexit bremst Handel mit Großbritannien schon heute

Immer mehr Warnzeichen deuten auf eine Abkühlung des deutschen Außenhandels hin. Doch bisher boomen sogar die Geschäfte mit eher problematischen Handelspartnern. Eine Ausnahme machen allerdings die Türkei und besonders Großbritannien.

Björn Helmke 02.11.2018

Viele Frühwarnsysteme schlagen Alarm: Sowohl der Containerindex von RWI und ISL sowie der Einkaufsmanagerindex sagen der deutschen Wirtschaft schon seit Monaten eine Abschwächung des Welthandels und damit verbunden eine Abschwächung der Chancen im Außenhandel voraus. Allein: Bisher hält der Boom sowohl im deutschen Export als auch beim Import an. Das ergibt sich aus der aktuellen Ausgabe des Export-/Import-Seismographen Deutschland (ESD/ISD), der die deutschen Außenhandelsströme analysiert und gemeinsam von AEB und vom Institut für Angewandte Logistik (IAL) der Hochschule Würzburg-Schweinfurt herausgegeben wird.

Handel mit den EU-Staaten sorgt für eine stabile Basis

Im 1. Halbjahr 2018 wuchsen die Exporte gemessen an der Tonnage gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 3,2 % auf 213 Mio. t. Die Importe legten im gleichen Zeitraum um 1,9 % auf 332 Mio t. zu.  In der wertmäßigen Betrachtung wuchs der Außenhandel sogar noch stärker: Die Exporte stiegen um 4,0 % auf 663 Mrd. EUR, die Importe um 4,8 % auf 541 Mrd. EUR. Sogar problematische Handelspartner wie die USA (Export: 5,7 %, Import: 19,9 %) oder das krisengeschüttelte Brasilien (Export 7,1 %, Import 1,9 %) konnten bei den Mengen kräftig zulegen.  Für eine stabile Basis sorgte der Handel mit den anderen EU-Staaten mit einem Mengenwachstum um die 5 % sowohl beim Ex- als auch im Import.

Allerdings gibt es zwei krasse Ausnahmen: Großbritannien, der weltweit fünftwichtigste Markt für deutsche Exporte, bröckelt. Das gleiche gilt für die Türkei, die Nummer 16 im deutschen Exportranking. Im ersten Halbjahr 2018 brachen die deutschen Exporte nach Großbritannien gemessen am Gewicht gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 8,1 % auf 8,7 Mio. t ein. In die umgekehrte Richtung wurden 7,6 Mio. t Güter gehandelt – das sind sogar 15,2 % weniger als im 1. Halbjahr 2017.

Unternehmen bauen ihre Supply Chains bereits jetzt um

„Die Delle im Handel mit Großbritannien verdeutlicht die Herausforderungen, mit denen Unternehmen sich konfrontiert sehen, wenn Handelsgrenzen aufgebaut werden: Supply Chains müssen umgebaut werden, um weiter im Wettbewerb bestehen zu können“, sagt Prof. Christian Kille vom IAL. „Deutsche Unternehmen suchen Alternativen zu ihren britischen Lieferanten und probieren diese bereits aus. Das gilt auch für zahlreiche britische Unternehmen, die gleichzeitig ihre Produktion zurückfahren, weil sie nach dem Brexit weniger Absatzchancen in der EU sehen“, ergänzt Dr. Ulrich Lison, Außenwirtschaftsexperte bei AEB.

Aktuelle Rückgänge sind nur ein Vorgeschmack auf die Zeit nach dem Brexit

Dies lässt sich besonders an zwei Schlüsselindustrien ablesen: der chemischen Industrie und der Automotivebranche. In der chemischen Industrie sanken die deutschen Exportmengen nach Großbritannien um 21 %, in umgekehrter Richtung betrug der Rückgang 5,5 %.  Bei den Kfz-Teilen betrug das deutsche Exportminus 9,3 %, während die Importe um 6,8 % sanken. Dennoch: „Die bisherigen Rückgänge sind nur ein Vorgeschmack darauf, wenn nach dem Brexit Zölle und längere Lieferzeiten aufgrund von Zollformalitäten die bisherige Arbeitsteilung unwirtschaftlich machen“, sagt Lison.

Türkei wird zum Einkaufsparadies für deutsche Unternehmen

Zweischneidig entwickelte sich der Außenhandel mit einem weiteren schwierigen Handelspartner Deutschlands: der Türkei. Aufgrund der Schwäche der türkischen Lira gingen die deutschen Exportmengen im 1. Halbjahr 2018 gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 4,3 % auf 2,2 Mio. t zurück, da sich deutsche Waren für türkische Kunden verteuerten. Allerdings entwickelte sich die Türkei im Gegenzug zum Einkaufsparadies für deutsche Unternehmen. Die Einfuhren aus der Türkei nahmen um 9,2 % auf 2 Mio. t zu. Besonders Stahlprodukte, andere Metallteile sowie Obst und Gemüse aus der Türkei boomten auf dem deutschen Markt.

Der gesamte ESD/ISD für das erste Halbjahr 2018 steht hier zum Download bereit.

Über den Autor
Björn Helmke
Björn Helmke arbeitet seit mehr als 20 Jahren als Fachredakteur in den Themenbereichen Transport und Logistik. Seit zwei Jahren schreibt der Betriebswirt (WA) mit wachsender Begeisterung über praxisbezogene Themen in der Außenwirtschaft. Sein Anspruch: Auch bei Fachthemen Lesespaß und Nutzen unter einen Hut bekommen.

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